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Schlaf verstehen: was im Körper nachts passiert

Schlaf8 Min. LesezeitZuletzt geprüft: August 2026

Nachttisch bei Nacht mit kleiner warmer Lampe, geschlossenem Buch und Wasserglas

Schlaf ist kein Abschalten, sondern ein aktiv gesteuerter Zustand, in dem Gehirn, Kreislauf, Hormonsystem und Stoffwechsel ein geordnetes Programm durchlaufen. Wann und wie tief geschlafen wird, ergibt sich aus dem Zusammenspiel von zwei Regelgrössen: dem über den Tag ansteigenden Schlafdruck und der inneren Uhr. Dieser Beitrag beschreibt beide Prozesse, ordnet die verbreiteten Angaben zur Schlafdauer ein und trennt Dauer von Qualität.

Was passiert im Körper, während wir schlafen?

Im Schlaf sinken Herzfrequenz, Blutdruck und Körperkerntemperatur, die Atmung wird regelmässiger, und das Gehirn wechselt in wiederkehrenden Zyklen zwischen Leichtschlaf, Tiefschlaf und REM-Schlaf. Schlaf ist deshalb kein einheitlicher Zustand, sondern eine geordnete Abfolge von Zuständen mit jeweils eigenen Aufgaben. Ein grosser Teil der Erholung entsteht nicht durch die blosse Ruhe, sondern durch diese innere Gliederung.

Mehrere Vorgänge sind gut untersucht. Das Gedächtnis verarbeitet nachts Inhalte weiter, die am Tag aufgenommen wurden: Die Übersichtsarbeit von Rasch und Born (Physiological Reviews, 2013) fasst mehrere hundert Experimente zusammen, die zeigen, dass Schlaf die Festigung neuer Gedächtnisinhalte unterstützt. Die Hormonachsen folgen einem festen Tagesmuster. Melatonin, ein körpereigenes Hormon der Zirbeldrüse, steigt am Abend bei Dunkelheit an und signalisiert dem Organismus die biologische Nacht; Cortisol steigt in den frühen Morgenstunden an und bereitet das Erwachen vor.

Der Körper folgt dabei einem eigenen Temperaturverlauf. Die Kerntemperatur beginnt am späten Abend zu sinken, erreicht in den frühen Morgenstunden ihren tiefsten Punkt und steigt danach wieder an. Dieses Absinken gehört zum Einschlafen dazu, weshalb ein überhitztes Schlafzimmer das Einschlafen erschweren kann. Auch das Immunsystem ist nachts anders aktiv als am Tag; die Zusammenhänge zwischen Schlaf und Immunfunktion sind beschrieben, in ihrer praktischen Tragweite für gesunde Menschen aber noch nicht vollständig geklärt.

Auch die Reinigung des Gehirns wird seit einigen Jahren diskutiert. Eine viel zitierte Untersuchung an Mäusen (Xie et al., Science, 2013) zeigte, dass der Austausch von Hirnflüssigkeit im Schlaf deutlich zunimmt. Ob und in welchem Ausmass sich dieser Befund auf den Menschen übertragen lässt, ist nicht abschliessend geklärt: Die Formulierung «das Gehirn wird nachts gereinigt» geht über das hinaus, was beim Menschen belegt ist.

Was fehlt dem Körper bei Schlafstörungen?

Bei Schlafstörungen fehlt dem Körper in erster Linie zusammenhängende, ausreichend tiefe Schlafzeit, nicht ein einzelner Stoff, den man auffüllen könnte. Die verbreitete Vorstellung eines Mangels führt in die Irre: Die fehlende Grösse ist der Schlaf selbst, und Schlafstörungen sind das Ergebnis einer gestörten Regulation, nicht eines leeren Speichers.

Kurzfristig zeigt sich das als Tagesmüdigkeit, verlangsamte Reaktion, schwankende Stimmung, geringere Aufmerksamkeitsspanne und erhöhte Reizbarkeit; auch die Schmerzempfindlichkeit nimmt zu. Für längere Zeiträume stammen die meisten Daten aus Beobachtungsstudien: Dauerhaft kurzer oder stark fragmentierter Schlaf ist mit einer höheren Rate an Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen verbunden. Solche Zusammenhänge erlauben keine Aussage über Ursache und Wirkung im Einzelfall.

Halten Ein- oder Durchschlafprobleme über Wochen an und belasten sie den Tag, handelt es sich um ein eigenständiges Beschwerdebild und nicht um eine Frage von Disziplin. Wichtig ist dabei eine Unterscheidung, die in Ratgebertexten fast immer fehlt: Schlafhygiene ist die Basis, aber keine Behandlung. Bei einer anhaltenden Insomnie gilt die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT-I) als Vorgehen der ersten Wahl, sowohl in der S3-Leitlinie «Insomnie bei Erwachsenen» der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (AWMF 063-003) als auch in der Leitlinie der American Academy of Sleep Medicine (Edinger et al., 2021).

Zum Bild gehört auch, wie eine schlechte Nacht erlebt wird. Viele Menschen beschreiben nicht nur Müdigkeit, sondern das Gefühl, dem eigenen Körper ausgeliefert zu sein: Je stärker der Wunsch nach Schlaf wird, desto wacher fühlt man sich. Diese Anstrengung ist selbst ein Teil des Problems und keine Einbildung. Sie ernst zu nehmen ist der Ausgangspunkt jeder sinnvollen Auseinandersetzung mit dem eigenen Schlaf.

Wie viel Schlaf braucht ein Erwachsener wirklich?

Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren brauchen nach der Auswertung der National Sleep Foundation (Hirshkowitz et al., Sleep Health, 2015) in der Regel 7 bis 9 Stunden Schlaf, ab 65 Jahren 7 bis 8 Stunden. Die American Academy of Sleep Medicine und die Sleep Research Society empfehlen Erwachsenen in einer gemeinsamen Stellungnahme regelmässig mindestens 7 Stunden (Watson et al., Sleep, 2015).

Empfohlene Schlafdauer pro Nacht nach Altersgruppe (Richtwerte, National Sleep Foundation 2015)
AltersgruppeEmpfohlene SpanneNoch möglich, je nach Person
Kinder, 6 bis 13 Jahre9 bis 11 Stunden7 bis 12 Stunden
Jugendliche, 14 bis 17 Jahre8 bis 10 Stunden7 bis 11 Stunden
Junge Erwachsene, 18 bis 25 Jahre7 bis 9 Stunden6 bis 11 Stunden
Erwachsene, 26 bis 64 Jahre7 bis 9 Stunden6 bis 10 Stunden
Ab 65 Jahren7 bis 8 Stunden5 bis 9 Stunden

Diese Spannen sind Orientierungswerte, keine Normen. Die individuelle Streuung ist gross, und sie ist zu einem erheblichen Teil biologisch angelegt. Wer regelmässig etwas weniger oder etwas mehr schläft, tagsüber aber wach, leistungsfähig und ausgeglichen ist, hat deswegen kein Schlafproblem. Umgekehrt sagt eine erreichte Stundenzahl nichts darüber aus, ob die Nacht erholsam war. Wie verbreitet Schlafprobleme in der Schweiz sind, erhebt das Bundesamt für Statistik in der Schweizerischen Gesundheitsbefragung: Rund ein Drittel der Bevölkerung ab 15 Jahren berichtet über Schlafstörungen, überwiegend in leichter Form.

Nützlicher als das Zählen von Stunden ist die Beobachtung über zwei bis drei Wochen: Wann wird man ohne Wecker von selbst wach, wenn keine feste Verpflichtung wartet, und wie fühlt sich der Tag danach an? Wer in Ferienwochen ohne Wecker regelmässig deutlich länger schläft als sonst, hat unter der Woche vermutlich zu wenig Schlafgelegenheit, nicht zu wenig Schlafvermögen. Das ist eine Frage der Zeitplanung und nicht der Willenskraft.

Was unterscheidet Schlafdauer von Schlafqualität?

Die Schlafdauer ist die im Schlaf verbrachte Zeit, die Schlafqualität beschreibt, wie zusammenhängend und wie erholsam diese Zeit ist. Acht Stunden mit vielen Unterbrechungen können weniger erholsam sein als sieben ruhige Stunden. Beide Grössen zusammen ergeben erst ein brauchbares Bild einer Nacht.

Ein Expertengremium der National Sleep Foundation hat 2017 Anhaltspunkte für guten Schlaf zusammengetragen (Ohayon et al., Sleep Health, 2017). Als günstig gelten:

  • Einschlafen innerhalb von etwa 30 Minuten nach dem Löschen des Lichts;
  • höchstens ein längeres Erwachen pro Nacht;
  • insgesamt weniger als etwa 20 Minuten Wachzeit nach dem ersten Einschlafen;
  • eine Schlafeffizienz von mindestens 85 Prozent, also Schlafzeit im Verhältnis zur Zeit im Bett.

Diese Werte stammen aus einem Konsensverfahren und sind keine Diagnosekriterien. Sie sind vor allem als Gegengewicht zur reinen Stundenzählung nützlich. Entscheidend bleibt eine dritte Grösse, die sich nicht messen lässt: das eigene Erleben am Morgen und über den Tag.

Wie steuern Schlafdruck und innere Uhr den Schlaf?

Schlafdruck und innere Uhr sind die beiden Regelgrössen des sogenannten Zwei-Prozess-Modells, das der Schlafforscher Alexander Borbély 1982 vorgelegt und 2016 gemeinsam mit Serge Daan, Anna Wirz-Justice und Tom Deboer im Journal of Sleep Research überarbeitet hat. Der Schlafdruck steigt mit jeder Stunde Wachheit an und wird im Schlaf abgebaut; die innere Uhr legt fest, zu welcher Tageszeit Schlaf überhaupt gut gelingt.

Am Aufbau des Schlafdrucks ist unter anderem Adenosin beteiligt, ein Stoffwechselprodukt, das sich im Wachzustand im Gehirn ansammelt. Koffein besetzt dieselben Rezeptoren und dämpft dadurch das Müdigkeitssignal, ohne den angesammelten Schlafdruck zu verringern: Die Müdigkeit ist nicht verschwunden, sie wird nur vorübergehend weniger wahrgenommen.

Die innere Uhr sitzt im Nucleus suprachiasmaticus des Hypothalamus. Ihre Eigenperiode liegt bei den meisten Menschen etwas über 24 Stunden und wird täglich neu gestellt, vor allem durch Licht, in geringerem Mass durch feste Essens-, Bewegungs- und Sozialzeiten. Wie früh oder spät die innere Uhr steht, ist von Person zu Person verschieden und teilweise erblich; daraus ergeben sich die bekannten Chronotypen. Ein spät gestellter Chronotyp, der auf frühe Arbeitszeiten trifft, erzeugt eine dauerhafte Verschiebung zwischen biologischer und sozialer Zeit.

Sichtbar wird diese Verschiebung an freien Tagen. Wer werktags früh aufsteht und am Wochenende deutlich später schläft, verschiebt seine innere Uhr regelmässig hin und her; in der Schlafforschung wird das als sozialer Jetlag beschrieben. Beobachtungsdaten verbinden ausgeprägte Verschiebungen mit einer schlechteren Schlafqualität und mehr Tagesmüdigkeit. Deshalb wirkt eine einigermassen konstante Aufstehzeit oft stärker als eine feste Zubettgehzeit: Der Morgen stellt die Uhr, der Abend folgt ihr.

Aus diesem Zusammenspiel folgt eine Regel, die viele Schlafprobleme erklärt: Schlaf gelingt dann gut, wenn hoher Schlafdruck und die passende Phase der inneren Uhr zusammenfallen. Ein langer Mittagsschlaf senkt den Schlafdruck vor der Nacht, ein sehr unregelmässiger Rhythmus verschiebt die innere Uhr. Wer die beiden Prozesse kennt, versteht auch, warum starre Regeln allein selten genügen und warum sich Schlaf nicht auf Befehl herstellen lässt.

Quellen

  • Borbély AA. A two process model of sleep regulation. Human Neurobiology. 1982;1(3):195-204.
  • Borbély AA, Daan S, Wirz-Justice A, Deboer T. The two-process model of sleep regulation: a reappraisal. Journal of Sleep Research. 2016;25(2):131-143.
  • Hirshkowitz M et al. National Sleep Foundation's sleep time duration recommendations: methodology and results summary. Sleep Health. 2015;1(1):40-43.
  • Watson NF et al. Recommended amount of sleep for a healthy adult: a joint consensus statement of the American Academy of Sleep Medicine and Sleep Research Society. Sleep. 2015;38(6):843-844.
  • Ohayon M et al. National Sleep Foundation's sleep quality recommendations: first report. Sleep Health. 2017;3(1):6-19.
  • Rasch B, Born J. About sleep's role in memory. Physiological Reviews. 2013;93(2):681-766.
  • Xie L et al. Sleep drives metabolite clearance from the adult brain. Science. 2013;342(6156):373-377.
  • Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin. S3-Leitlinie Insomnie bei Erwachsenen, AWMF-Register 063-003.
  • Edinger JD et al. Behavioral and psychological treatments for chronic insomnia disorder in adults: an American Academy of Sleep Medicine clinical practice guideline. Journal of Clinical Sleep Medicine. 2021;17(2):255-262.
  • Bundesamt für Statistik. Schweizerische Gesundheitsbefragung, Themenbereich Gesundheitszustand.
  • Universitätsspital Zürich, Zentrum für Schlafmedizin, Patienteninformationen zu Schlaf und Schlafstörungen.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Abklärung, Diagnose oder Beratung. Bei anhaltenden Schlafproblemen oder belastenden Beschwerden wenden Sie sich an Ihre Hausärztin, Ihren Hausarzt oder eine andere qualifizierte Fachperson.