Zum Inhalt springen

Schichtarbeit und unregelmässige Zeiten: Schlaf organisieren

Schlaf9 Min. LesezeitZuletzt geprüft: August 2026

Arbeitnehmer geht im ersten Tageslicht durch eine ruhige Schweizer Strasse nach Hause

Schichtarbeit verlangt Schlaf zu Zeiten, zu denen die innere Uhr auf Wachheit eingestellt ist. Der Tagesschlaf nach einer Nachtschicht fällt deshalb bei den meisten Menschen kürzer und leichter aus als der Nachtschlaf, auch wenn die Müdigkeit gross ist. Dieser Beitrag beschreibt, was sich am eigenen Schlaf organisieren lässt, welche Schichtfolgen in der Fachliteratur als günstiger gelten und welche Bestimmungen in der Schweiz für Nachtarbeit gelten.

Warum ist Schlaf bei Schichtarbeit schwieriger?

Schlaf bei Schichtarbeit ist schwieriger, weil zwei Steuerungssysteme gegeneinander laufen: der über die Wachzeit aufgebaute Schlafdruck und die innere Uhr, die den Körper am Morgen auf Aktivität umstellt. Wer nach einer Nachtschicht um sieben Uhr ins Bett geht, schläft deshalb oft rasch ein, wacht aber nach vier bis sechs Stunden wieder auf, obwohl der Schlafbedarf nicht gedeckt ist. Der Tagesschlaf ist zusätzlich störanfälliger, weil Licht, Verkehrslärm, Telefon und Haushalt zu dieser Zeit auf ihn treffen.

Die Internationale Klassifikation der Schlafstörungen der American Academy of Sleep Medicine (ICSD-3) führt für diese Konstellation eine eigene Kategorie, die Schichtarbeiterstörung, eine zirkadiane Schlaf-Wach-Rhythmusstörung. Kennzeichnend sind Ein- oder Durchschlafprobleme, ausgeprägte Schläfrigkeit oder beides, jeweils im zeitlichen Zusammenhang mit einem Arbeitsplan, der in die übliche Schlafzeit fällt. Nicht alle Schichtarbeitenden entwickeln diese Beschwerden, und die Empfindlichkeit ist individuell sehr unterschiedlich.

Zur längerfristigen Gesundheit stammen die Daten überwiegend aus Beobachtungsstudien, die Zusammenhänge zeigen, aber keine Ursache beweisen. Die Internationale Agentur für Krebsforschung IARC stufte Nachtschichtarbeit im Juni 2019 in Band 124 ihrer Monographien als wahrscheinlich krebserzeugend für den Menschen ein (Gruppe 2A), gestützt auf begrenzte Evidenz beim Menschen, ausreichende Evidenz im Tierversuch und starke mechanistische Hinweise. Eine solche Einstufung beschreibt die Beweislage für eine Gefahr; sie sagt nichts über das Risiko einer einzelnen Person aus.

Wie lässt sich der Schlaf nach einer Nachtschicht organisieren?

Der Schlaf nach einer Nachtschicht lässt sich vor allem über drei Stellschrauben beeinflussen: Dunkelheit und Ruhe im Schlafraum, ein Zeitpunkt, der von Schicht zu Schicht möglichst gleich bleibt, und der Umgang mit hellem Licht auf dem Heimweg. Diese Massnahmen verlängern den Tagesschlaf nicht beliebig, sie machen ihn aber weniger störanfällig. Die Evidenzlage dazu ist bescheiden: eine Cochrane-Übersichtsarbeit von Slanger und Kolleginnen aus dem Jahr 2016 zu personenbezogenen, nicht medikamentösen Massnahmen bei Schichtarbeit stufte die Vertrauenswürdigkeit der Ergebnisse zu hellem Licht und Kurzschlaf als niedrig bis sehr niedrig ein und forderte grössere, besser angelegte Studien.

  • Schlafraum abdunkeln: lichtdichte Vorhänge oder eine Schlafmaske, dazu Ohrstöpsel oder ein gleichmässiges Hintergrundgeräusch gegen Verkehrs- und Haushaltslärm.
  • Feste Blöcke statt Zufall: viele Menschen kommen besser zurecht, wenn der Tagesschlaf jeden Morgen zur gleichen Zeit beginnt, statt sich nach dem Tagesprogramm zu richten.
  • Teilen statt strecken: ein Block am Morgen und ein zweiter, kürzerer am späten Nachmittag vor der nächsten Schicht wird von vielen Schichtarbeitenden als verträglicher erlebt als ein einzelner langer Block.
  • Licht auf dem Heimweg dämpfen: eine Sonnenbrille am hellen Morgen; umgekehrt vor Schichtbeginn und in der ersten Nachthälfte helles Licht am Arbeitsplatz nutzen, sofern die Beleuchtung das zulässt.
  • Koffein früh in der Schicht: die Wirkung hält über Stunden an, deshalb setzen viele die letzte Tasse bewusst mehrere Stunden vor Schichtende.
  • Umfeld einbeziehen: Haushalt, Kinderbetreuung und Zustellungen so absprechen, dass die Schlafzeit als Schlafzeit bekannt ist.
  • Heimweg planen: nach einer Nachtschicht ist die Schläfrigkeit am Steuer und auf dem Velo erhöht; wer sich unsicher fühlt, plant eine Pause oder eine andere Rückfahrt ein.

Kein Punkt dieser Liste ersetzt fehlenden Schlaf. Wer über Wochen deutlich weniger schläft als es dem eigenen Bedarf entspricht, sammelt ein Defizit an, das sich durch Organisation allein nicht auflösen lässt. Realistisch ist, den Tagesschlaf so gut wie möglich zu schützen und den Rest über den Schichtplan zu klären.

Welche Schichtfolge ist für den Schlaf günstiger?

Für die Schichtfolge gilt in der arbeitswissenschaftlichen Literatur die Vorwärtsrotation als günstiger, also die Abfolge Frühschicht, Spätschicht, Nachtschicht. Das Staatssekretariat für Wirtschaft SECO beschreibt in seiner Broschüre «Nacht- und Schichtarbeit: Arbeitszeitmodelle modern gestalten» (2021), dass bei schnell rotierenden Modellen die Vorwärtsrotation umgesetzt werden sollte und dass Pläne mit höchstens drei aufeinanderfolgenden Nachtschichten vorzuziehen sind.

Der Grund ist die Trägheit der inneren Uhr. Eine Vorwärtsrotation verlangt vom Körper, den Schlaf jeweils etwas nach hinten zu schieben, und das gelingt den meisten Menschen leichter als eine Verschiebung nach vorne. Zwischen den Schichten bleiben bei dieser Abfolge zudem längere Ruhezeiten, ohne dass dafür ein freier Tag verbraucht wird. Kurze Zyklen begrenzen ausserdem, wie weit sich die innere Uhr überhaupt verstellt, bevor der nächste Wechsel kommt.

Eine zweite Grösse ist der persönliche Chronotyp, also die Neigung zu früh oder spät. Ausgesprochene Frühtypen kommen mit Frühschichten meist besser zurecht und leiden stärker unter Nachtschichten; bei ausgesprochenen Spättypen ist es umgekehrt, und die Frühschicht ab vier oder fünf Uhr wird zur eigentlichen Belastung. Diese Unterschiede erklären, weshalb derselbe Schichtplan im gleichen Team sehr verschieden erlebt wird. Sie erklären auch, weshalb sich aus dem Erleben einer einzelnen Person keine allgemeine Regel ableiten lässt.

Wichtig ist die Zuständigkeit: Der Schichtplan ist keine private Angelegenheit, sondern eine Gestaltungsfrage des Betriebs. Wer den eigenen Plan als besonders belastend erlebt, bringt das sinnvollerweise bei der vorgesetzten Person, im Personaldienst oder in der Personalvertretung ein, statt es allein über Schlafgewohnheiten auffangen zu wollen. Das SECO stellt zu Schichtplänen Informationen und Modelle öffentlich zur Verfügung.

Was gilt in der Schweiz bei Nachtarbeit?

In der Schweiz regelt das Arbeitsgesetz (ArG, SR 822.11) mit seinen Verordnungen die Nachtarbeit. Nachtarbeit ist grundsätzlich verboten und nur mit Bewilligung zulässig; sie setzt zudem die Zustimmung der betroffenen Person voraus. Die folgende Übersicht nennt die Bestimmungen, die den Schlaf am unmittelbarsten betreffen (Fassung abgerufen am 15. August 2026).

Was in der Schweiz bei Nachtarbeit gilt
BereichRegelungFundstelle
Zeitfenster Tagesarbeit von 6 bis 20 Uhr, Abendarbeit von 20 bis 23 Uhr, Nachtarbeit von 23 bis 6 Uhr. Art. 10 und Art. 16 ArG
Bewilligung und Zustimmung Nachtarbeit ist ohne behördliche Bewilligung untersagt und darf nur mit Zustimmung der Arbeitnehmerin oder des Arbeitnehmers angeordnet werden. Art. 16 und Art. 17 ArG
Dauer Die tägliche Arbeitszeit bei Nachtarbeit darf neun Stunden nicht überschreiten und muss inklusive Pausen innerhalb von zehn Stunden liegen; für einzelne Konstellationen sind Abweichungen vorgesehen. Art. 17a ArG
Ausgleich Bei vorübergehender Nachtarbeit ein Lohnzuschlag von mindestens 25 Prozent; bei dauernder oder regelmässig wiederkehrender Nachtarbeit, das heisst ab 25 Nächten pro Kalenderjahr, ein Zeitzuschlag von 10 Prozent der geleisteten Nachtarbeit, mit einzelnen Ausnahmen. Art. 17b ArG
Medizinische Untersuchung Anspruch auf eine medizinische Untersuchung und Beratung ab 25 Nächten pro Kalenderjahr; in bestimmten Fällen, etwa bei Jugendlichen oder besonders beschwerlichen Arbeiten, ist sie obligatorisch. Art. 17c ArG, Art. 44 und 45 ArGV 1
Weitere Massnahmen Für Nachtarbeit sind zusätzliche betriebliche Massnahmen vorgesehen, unter anderem zu Verpflegungsmöglichkeit, Ruheräumen und Transport. Art. 17e ArG

Die medizinische Untersuchung und Beratung ist der Teil, der im Alltag am häufigsten übersehen wird. Nach der Wegleitung des SECO zur Verordnung 1 besteht der Anspruch beim Antritt der Nachtarbeit und danach in der Regel alle zwei Jahre, ab dem 45. Altersjahr jährlich. Die untersuchende Ärztin oder der untersuchende Arzt beurteilt den Gesundheitszustand und berät dazu, wie sich Beschwerden im Zusammenhang mit der Nachtarbeit verringern lassen. Die Kosten trägt die Arbeitgeberin oder der Arbeitgeber.

Diese Angaben sind eine allgemeine Information und keine Rechtsauskunft. Massgebend sind der geltende Gesetzestext, die Verordnungen, allfällige Gesamtarbeitsverträge und die Bewilligung des Betriebs. Für verbindliche Auskünfte sind der Personaldienst, das kantonale Arbeitsinspektorat oder das SECO zuständig.

Wann ist bei Schichtarbeit eine Abklärung sinnvoll?

Eine Abklärung ist bei Schichtarbeit sinnvoll, wenn die Schläfrigkeit auch an freien Tagen und nach ausreichender Schlafgelegenheit bestehen bleibt, wenn Ein- oder Durchschlafprobleme über mehrere Wochen anhalten, oder wenn am Steuer, auf dem Velo oder an der Maschine Sekundenschlaf auftritt. Der letzte Punkt ist kein Komfortthema, sondern eine Frage der Sicherheit und gehört ohne Aufschub besprochen.

Weitere Anlässe, die eine Fachperson beurteilen sollte, sind lautes Schnarchen mit beobachteten Atempausen, morgendliche Kopfschmerzen mit ausgeprägter Tagesmüdigkeit sowie eine über Wochen gedrückte Stimmung oder ein Rückzug aus dem sozialen Leben. Diese Hinweise werden hier genannt, nicht gedeutet: Was dahintersteht, lässt sich nur in einer Untersuchung klären.

Der Weg führt in der Schweiz in der Regel über die Hausarztpraxis, die bei Bedarf an ein Schlafzentrum oder an eine spezialisierte Sprechstunde an einem Spital überweist. Parallel dazu besteht der Anspruch auf die arbeitsmedizinische Untersuchung und Beratung nach Arbeitsgesetz, und in grösseren Betrieben ist häufig ein arbeitsärztlicher Dienst verfügbar. Bei anhaltenden Ein- und Durchschlafproblemen empfehlen die Leitlinien zur Insomnie bei Erwachsenen die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie als Behandlung erster Wahl; Schlafhygiene allein gilt dort ausdrücklich nicht als ausreichende Behandlung.

Quellen

  • Bundesgesetz über die Arbeit in Industrie, Gewerbe und Handel (Arbeitsgesetz, ArG), SR 822.11, insbesondere Art. 10, 16, 17, 17a, 17b, 17c und 17e; abgerufen am 15. August 2026.
  • Verordnung 1 zum Arbeitsgesetz (ArGV 1), SR 822.111, Art. 44 und 45 zur medizinischen Untersuchung und Beratung bei Nachtarbeit.
  • Staatssekretariat für Wirtschaft SECO: Wegleitungen zum Arbeitsgesetz und zu den Verordnungen 1 und 2.
  • Staatssekretariat für Wirtschaft SECO (2021): Nacht- und Schichtarbeit: Arbeitszeitmodelle modern gestalten.
  • Staatssekretariat für Wirtschaft SECO: Arbeiten in der Nacht und in Schicht, Informationen und Tipps.
  • IARC Monographs on the Identification of Carcinogenic Hazards to Humans, Volume 124: Night Shift Work. Internationale Agentur für Krebsforschung, Lyon, 2020 (Arbeitsgruppe Juni 2019).
  • Slanger, T. E., et al. (2016). Person-directed, non-pharmacological interventions for sleepiness at work and sleep disturbances caused by shift work. Cochrane Database of Systematic Reviews, CD010641.
  • American Academy of Sleep Medicine: International Classification of Sleep Disorders, 3. Auflage (ICSD-3), Kapitel zur Schichtarbeiterstörung.
  • Edinger, J. D., et al. (2021). Behavioral and psychological treatments for chronic insomnia disorder in adults: an American Academy of Sleep Medicine clinical practice guideline. Journal of Clinical Sleep Medicine, 17(2), 255–262.
  • S3-Leitlinie «Insomnie bei Erwachsenen», Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin, AWMF-Register 063-003.

Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt weder eine medizinische Beratung noch eine Rechtsauskunft. Bei anhaltenden Schlafproblemen oder ausgeprägter Schläfrigkeit wenden Sie sich an eine Ärztin, einen Arzt oder eine anerkannte Fachperson; für arbeitsrechtliche Fragen sind der Personaldienst, das kantonale Arbeitsinspektorat oder das SECO zuständig.