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Bildschirme und Licht am Abend: was der Forschungsstand zeigt

Schlaf8 Min. LesezeitZuletzt geprüft: August 2026

Person legt ein Mobiltelefon mit dem Display nach unten auf ein Holzregal im gedämpften Flur

Licht am Abend wirkt messbar auf die innere Uhr: Es unterdrückt die Melatoninausschüttung und verschiebt den Rhythmus nach hinten. Der Beitrag von Bildschirmen daran ist allerdings deutlich kleiner, als die verbreitete Empfehlung «zwei Stunden vorher alles aus» vermuten lässt. Entscheidend sind die tatsächliche Lichtmenge am Auge, die Dauer der Belichtung und, oft übersehen, was am Bildschirm geschieht.

Wie wirkt Licht am Abend auf die innere Uhr?

Licht am Abend erreicht spezialisierte Zellen in der Netzhaut, die das Pigment Melanopsin enthalten und ihr Signal an die innere Uhr im Hypothalamus weitergeben. Diese Zellen reagieren am stärksten auf kurzwelliges, bläuliches Licht. Die Folge ist zweifach: Die abendliche Ausschüttung des körpereigenen Hormons Melatonin beginnt später, und der gesamte Rhythmus verschiebt sich nach hinten (Blume, Garbazza und Spitschan, Somnologie 2019).

Zwei Punkte werden dabei regelmässig verwechselt. Erstens ist Melatonin in diesem Zusammenhang ein körpereigenes Zeitsignal und kein Schlafschalter: Weniger Melatonin am Abend bedeutet nicht automatisch weniger Schlaf. Zweitens ist die Wirkung dosisabhängig. Wie stark der Rhythmus reagiert, hängt von Helligkeit, Dauer, Zeitpunkt und Spektrum ab; die Empfindlichkeit unterscheidet sich zudem von Person zu Person erheblich. Wie diese Steuerung insgesamt funktioniert, ist unter wie der Körper den Schlaf steuert beschrieben.

Hinzu kommt, dass derselbe Reiz je nach Tageszeit gegenteilig wirkt. Licht am späten Abend verschiebt die innere Uhr nach hinten, Licht am frühen Morgen zieht sie nach vorne. Wer ohnehin spät müde wird und morgens schwer aus dem Bett kommt, verstärkt mit einem hellen Abend also genau die Richtung, die ihm zu schaffen macht. Umgekehrt gibt es Menschen, die früh müde werden und früh erwachen; für sie kann abendliches Licht sogar eine stabilisierende Rolle spielen. Eine Empfehlung, die für alle gleich lautet, geht an diesem Unterschied vorbei.

Macht blaues Licht von Bildschirmen wirklich wach?

Bildschirme können die innere Uhr beeinflussen, der gemessene Effekt fällt jedoch moderat aus und tritt erst nach längerer Nutzung deutlich hervor. In einer Laborstudie las eine Gruppe vier Stunden vor dem Zubettgehen auf einem leuchtenden Lesegerät statt in einem gedruckten Buch: Die Teilnehmenden brauchten länger zum Einschlafen, waren abends weniger schläfrig, hatten weniger Melatonin, eine nach hinten verschobene innere Uhr und am nächsten Morgen eine geringere Wachheit (Chang et al., PNAS 2015).

Diese Bedingungen sind allerdings nicht der Normalfall. In einer Untersuchung mit Tablets auf Lesedistanz war die Melatoninunterdrückung nach einer Stunde statistisch nicht von null unterscheidbar; erst nach zwei Stunden wurde sie deutlich (Wood et al., Applied Ergonomics 2012). Für den Alltag heisst das: Zwanzig Minuten Lesen auf dem Telefon sind lichttechnisch etwas anderes als vier Stunden helle Bildschirmnutzung. Ausserhalb des Labors stammen die Daten überwiegend aus Befragungen. Eine Meta-Analyse mit über 125 000 Kindern und Jugendlichen fand, dass abendliche Gerätenutzung verbunden ist mit zu kurzem Schlaf und schlechterer Schlafqualität; auffällig ist, dass bereits der blosse Zugang zu einem Gerät im Schlafzimmer mit denselben Ergebnissen einherging, auch ohne berichtete Nutzung (Carter et al., JAMA Pediatrics 2016). Das spricht dafür, dass nicht allein das Licht die Rolle spielt.

Ebenso wichtig ist, was diese Studien nicht zeigen. Sie belegen nicht, dass Bildschirme den Schlaf zerstören oder krank machen. Gemessen werden Verschiebungen im Bereich von Minuten bis zu einer Stunde beim Einschlafen, unter Laborbedingungen mit langer Nutzung und hoher Helligkeit. Bei den Befragungsdaten kommt hinzu, dass sie Zusammenhänge zeigen und keine Ursachen: Wer schlecht schläft, greift nachts eher zum Telefon, was denselben statistischen Zusammenhang erzeugt wie der umgekehrte Weg. Formulierungen wie «Bildschirme verhindern Schlaf» gehen über den Forschungsstand hinaus.

Bringen Blaulichtfilter und Nachtmodus etwas?

Für Blaulichtfilter ist die Studienlage schwach. Ein Cochrane-Review von 2023 wertete 17 randomisierte Studien zu blaulichtfilternden Brillengläsern aus und kam zum Schluss, dass sich für die subjektive Schlafqualität keine belastbare Aussage treffen lässt: Die Ergebnisse der sechs auswertbaren Studien waren widersprüchlich, die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz sehr gering (Singh et al., Cochrane Database of Systematic Reviews 2023).

Beim Nachtmodus von Geräten weist eine Untersuchung in dieselbe Richtung. Sie verglich zwei Einstellungen der Nachtschicht-Funktion eines Tablets und fand keinen bedeutsamen Unterschied in der Melatoninunterdrückung. Die Autorinnen und Autoren folgerten, dass eine Veränderung der Farbtemperatur ohne gleichzeitige Verringerung der Helligkeit nicht ausreicht (Nagare, Plitnick und Figueiro, Lighting Research and Technology 2019). Die Helligkeit zu senken ist demnach der wirksamere Hebel als die Farbe zu verschieben. Eine Empfehlung für ein bestimmtes Produkt oder eine bestimmte Anwendung lässt sich daraus nicht ableiten.

Dass Filter und Nachtmodus dennoch beliebt sind, hat einen nachvollziehbaren Grund: Sie verlangen keine Verhaltensänderung. Eine Einstellung wird einmal aktiviert und gilt danach von selbst. Die Massnahmen mit der besseren Beleglage, also weniger Helligkeit im Raum und ein früherer Zeitpunkt für aktivierende Tätigkeiten, verlangen dagegen jeden Abend eine kleine Entscheidung. Das macht sie unattraktiver, aber nicht weniger wirksam.

Ist der Inhalt am Bildschirm wichtiger als das Licht?

Vieles spricht dafür, dass der Inhalt am Bildschirm im Alltag stärker wirkt als das Licht des Bildschirms. Ein Wettkampfspiel, eine Arbeitsmail um 22 Uhr, eine Auseinandersetzung per Nachricht oder eine Nachrichtenlage, die beunruhigt, erzeugen eine körperliche und gedankliche Aktivierung, die nicht mit dem Ausschalten des Geräts endet. Fachlich wird dieser Zustand als Hyperarousal beschrieben, und er ist ein zentraler Faktor bei anhaltenden Schlafproblemen.

Für diese Unterscheidung braucht es keine Studie mit Luxmessung: Der gleiche Bildschirm, in gleicher Helligkeit, hat eine andere Wirkung, je nachdem ob darauf ein ruhiger Film läuft oder eine Steuererklärung bearbeitet wird. Die verbreitete Regel «Bildschirme aus» trifft deshalb nur die halbe Frage. Nützlicher ist es, den Abend nach dem Grad der Aktivierung zu ordnen: Was verlangt eine Reaktion, eine Entscheidung, eine Antwort? Diese Tätigkeiten gehören eher an den früheren Abend, unabhängig davon, ob sie an einem Gerät oder auf Papier stattfinden. Ein zweiter Aktivierungsfaktor ist Koffein am Abend, das unabhängig vom Licht wirkt.

Ein dritter Mechanismus kommt ganz ohne Licht und ohne Aufregung aus: Bildschirmzeit am Abend verdrängt Schlafzeit. Eine Serie, die noch läuft, ein Beitrag, der noch nachgeladen wird, ein Gespräch, das noch nicht abgeschlossen ist: Der Abend verlängert sich, ohne dass eine Entscheidung dafür getroffen wurde. Für viele Menschen ist das die grösste einzelne Wirkung des Geräts auf die Nacht, und sie hat mit Wellenlängen nichts zu tun.

Wie hell ist Abendlicht im Vergleich zu Tageslicht?

Ein Bildschirm liefert am Auge deutlich weniger Licht als ein bewölkter Tag im Freien, und der Unterschied beträgt mehrere Grössenordnungen. Genau das relativiert die Vorstellung vom Bildschirm als Lichtquelle mit ausserordentlicher Wirkung. Die folgende Tabelle zeigt gerundete Grössenordnungen in Lux, gemessen an der Stelle, an der sich das Auge befindet.

Beleuchtungsstärken im Vergleich, gerundete Grössenordnungen in Lux
SituationBeleuchtungsstärke am AugeEinordnung
Sonniger Tag im Freien50 000 bis 100 000 lxStärkstes Zeitsignal für die innere Uhr
Bedeckter Tag im Freien1 000 bis 10 000 lxAuch bei Regen ein Vielfaches jeder Innenbeleuchtung
Büroarbeitsplatz nach Normetwa 500 lxRichtwert der Normreihe SN EN 12464-1 für Bildschirmarbeit
Wohnraum am Abend50 bis 300 lxJe nach Leuchtmittel und Anzahl Lampen
Tablet oder Telefon auf Lesedistanzeinige Dutzend lxWirkt erst bei längerer Nutzung messbar
Gedämpftes Licht, einzelne Kerzeunter 10 lxKaum Einfluss auf den Rhythmus

Zwei Einschränkungen gehören zu dieser Tabelle. Erstens beschreibt Lux die Helligkeit für das Sehen und nicht direkt die Wirkung auf die innere Uhr; dafür wird heute die melanopische Beleuchtungsstärke verwendet, die das Spektrum berücksichtigt. Zweitens zählt nur, was tatsächlich ins Auge fällt: Eine Lampe hinter dem Rücken wirkt anders als dieselbe Lampe im Blickfeld, und der Abstand zum Bildschirm verändert den Wert erheblich.

Aus der Tabelle folgt ein Punkt, der in Regellisten selten steht: Wer den Rhythmus stabilisieren will, gewinnt am Morgen mehr als am Abend. Zwanzig bis dreissig Minuten draussen am Vormittag liefern ein Vielfaches der Lichtmenge, die sich abends durch das Weglegen des Telefons einsparen lässt. In den Wintermonaten, in denen viele Menschen den Arbeitstag bei Kunstlicht verbringen, fällt dieser Unterschied besonders ins Gewicht.

Was folgt daraus für den Abend?

Aus dem Forschungsstand lässt sich kein Verbot ableiten, sondern eine Reihenfolge nach Wirksamkeit. Die folgenden Punkte sind nach der Grösse des zu erwartenden Effekts geordnet, nicht nach ihrer Bekanntheit.

  • Aktivierende Tätigkeiten früher am Abend erledigen: Arbeit, Konflikte, Entscheidungen, Wettkampfspiele.
  • Tagsüber und besonders am Morgen Tageslicht suchen, auch bei bedecktem Himmel.
  • Die Raumbeleuchtung in der letzten Stunde reduzieren, statt sich auf Filtereinstellungen zu verlassen.
  • Die Gerätehelligkeit senken; sie wirkt stärker als die Farbtemperatur.
  • Die Länge der Bildschirmnutzung beachten: Minuten und Stunden sind nicht dasselbe.

Wenn Schlafprobleme über Monate bestehen, ist der Abendbildschirm meist nicht die Ursache und sein Weglassen entsprechend nicht die Lösung. In diesem Fall ist ein Gespräch mit der Hausärztin oder dem Hausarzt der sinnvollere Schritt als eine weitere Regel.

Quellen

  • Blume C, Garbazza C, Spitschan M. Effects of light on human circadian rhythms, sleep and mood. Somnologie. 2019;23(3):147-156. doi:10.1007/s11818-019-00215-x
  • Chang AM, Aeschbach D, Duffy JF, Czeisler CA. Evening use of light-emitting eReaders negatively affects sleep, circadian timing, and next-morning alertness. PNAS. 2015;112(4):1232-1237. doi:10.1073/pnas.1418490112
  • Wood B, Rea MS, Plitnick B, Figueiro MG. Light level and duration of exposure determine the impact of self-luminous tablets on melatonin suppression. Appl Ergon. 2013;44(2):237-240. doi:10.1016/j.apergo.2012.07.008
  • Singh S, Keller PR, Busija L et al. Blue-light filtering spectacle lenses for visual performance, sleep, and macular health in adults. Cochrane Database Syst Rev. 2023;8:CD013244. doi:10.1002/14651858.CD013244.pub2
  • Nagare R, Plitnick B, Figueiro MG. Does the iPad Night Shift mode reduce melatonin suppression? Light Res Technol. 2019;51(3):373-383. doi:10.1177/1477153517748189
  • Carter B, Rees P, Hale L, Bhattacharjee D, Paradkar MS. Association between portable screen-based media device access or use and sleep outcomes. JAMA Pediatr. 2016;170(12):1202-1208. doi:10.1001/jamapediatrics.2016.2341

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei anhaltenden Schlafproblemen wenden Sie sich bitte an Ihre Ärztin, Ihren Arzt oder an eine psychotherapeutische Fachperson.