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Selbstregulation im Alltag: was sich umsetzen lässt

Körper & Psyche8 Min. LesezeitZuletzt geprüft: August 2026

Person hält auf einem Balkon inne, beide Hände am Geländer, Schweizer Dächer dahinter

Selbstregulation bezeichnet die bewusste Einflussnahme auf den eigenen körperlichen und seelischen Zustand, etwa über Atmung, Muskelspannung, Aufmerksamkeit, Bewegung und Tagesstruktur. Untersucht sind vor allem langsame Atmung, progressive Muskelentspannung, achtsamkeitsbasierte Programme und regelmässige körperliche Aktivität; sie unterscheiden sich weniger darin, ob sie etwas bewirken, als darin, in welchem Zeitraum sie überhaupt wirken können. Dieser Beitrag ordnet die gängigen Ansätze nach Zeithorizont und Untersuchungsstand und benennt, wo Selbstregulation endet.

Was kann man gegen psychosomatische Beschwerden tun?

Bei körperlichen Beschwerden ohne ausreichende organische Erklärung steht am Anfang eine ärztliche Abklärung, nicht eine Entspannungstechnik. Danach lassen sich drei Ebenen unterscheiden: Massnahmen, die innert Minuten den momentanen Erregungszustand verändern; Gewohnheiten, die sich über Wochen aufbauen; und eine Begleitung durch eine Fachperson, wenn die Beschwerden anhalten oder den Alltag einschränken. Keine dieser drei Ebenen ersetzt die beiden anderen.

Die häufigste Erwartung an diese Frage lautet, die Beschwerden möglichst rasch loszuwerden. Diese Erwartung ist verständlich, sie passt aber schlecht zu dem, was untersuchte Verfahren leisten: Sie verändern den Zustand, in dem eine Person sich befindet, sie schalten kein Symptom ab. Wer das erwartet, erlebt jede Übung als Misserfolg, sobald das Symptom nach zehn Minuten noch da ist. Ebenso wichtig ist die begriffliche Klärung: «psychosomatisch» heisst nicht «eingebildet», wie in den Grundlagen der Psychosomatik ausgeführt ist.

Was bedeutet Selbstregulation?

Selbstregulation meint die Fähigkeit, den eigenen Zustand wahrzunehmen und ihn gezielt in eine andere Richtung zu bewegen. Der Begriff umfasst damit zwei Schritte, die oft verwechselt werden: das Bemerken, dass Anspannung, Unruhe oder Erschöpfung vorliegen, und die anschliessende Einflussnahme. Ohne den ersten Schritt läuft der zweite ins Leere, weil Anspannung häufig erst auffällt, wenn sie bereits körperlich schmerzt.

Selbstregulation ist nicht dasselbe wie Entspannung. Manche Situationen verlangen eine Erhöhung der Aktivierung, etwa Müdigkeit am Nachmittag; andere verlangen deren Senkung. Zudem ist der Zugang zum vegetativen Nervensystem nur indirekt: Herzfrequenz, Darmtätigkeit oder Schweissproduktion lassen sich nicht willentlich einstellen, wohl aber die Atmung, die Körperhaltung und die Ausrichtung der Aufmerksamkeit. Wie diese unwillkürliche Steuerung aufgebaut ist, beschreibt der Beitrag über Sympathikus und Parasympathikus.

Daraus folgt eine praktische Einschränkung, die in Ratgebertexten fehlt: Eine über Monate aufgebaute Daueranspannung löst sich nicht durch den Entschluss, sich zu entspannen. Der erhöhte Grundtonus der Muskulatur ist teilweise der willentlichen Kontrolle entzogen, wie im Beitrag zu Anspannung und Muskeltonus beschrieben.

Welche Ansätze sind im Alltag untersucht?

Im Alltag untersucht sind vor allem fünf Ansätze: langsame Atmung, progressive Muskelentspannung nach Edmund Jacobson, achtsamkeitsbasierte Programme wie das achtwöchige Kursformat MBSR, regelmässige körperliche Bewegung und ein stabiler Tagesrhythmus. Die Studienlage ist für keinen dieser Ansätze einheitlich stark, und die Wirkungen setzen zu sehr unterschiedlichen Zeitpunkten ein.

Untersuchte Ansätze der Selbstregulation nach Zeithorizont
AnsatzZeithorizontUntersuchungsstand
Langsame Atmung mit verlängerter Ausatmung Minuten, Wirkung endet weitgehend mit der Übung Eine systematische Übersicht von Zaccaro und Kollegen (2018) fand bei langsamer Atmung überwiegend eine Zunahme der Herzfrequenzvariabilität; die Studien waren klein und methodisch uneinheitlich
Progressive Muskelentspannung nach Jacobson Einzelne Sitzung: Minuten; Übungseffekt: mehrere Wochen Seit den 1920er-Jahren beschrieben und vielfach untersucht; die Aussagekraft der Einzelstudien ist wegen fehlender Verblindung begrenzt
Achtsamkeitsbasierte Programme (Kursformat über acht Wochen) Wochen, mit fortlaufender Übungszeit Goyal und Kollegen werteten 2014 in JAMA Internal Medicine 47 randomisierte Studien mit rund 3500 Teilnehmenden aus und fanden Hinweise mittlerer Aussagekraft auf kleine Verbesserungen bei Angst, depressiver Symptomatik und Schmerz
Regelmässige körperliche Bewegung Wochen bis Monate Eine Cochrane-Übersicht von Cooney und Kollegen (2013) fand für körperliches Training einen Effekt gegenüber Kontrollbedingungen, der in methodisch strengeren Studien deutlich kleiner ausfiel
Stabiler Tagesrhythmus mit regelmässigen Schlaf- und Essenszeiten Wochen Gut begründet über die Chronobiologie; als Einzelmassnahme gegen körperliche Beschwerden kaum isoliert untersucht

Für den Umfang der Bewegung existiert eine nationale Referenz: Die Bewegungsempfehlungen für die Schweiz, getragen unter anderem vom Bundesamt für Sport und vom Bundesamt für Gesundheit, nennen für Erwachsene mindestens zweieinhalb Stunden Bewegung mittlerer Intensität pro Woche, ergänzt durch kräftigende Aktivitäten. Die Weltgesundheitsorganisation nennt in ihren Leitlinien von 2020 denselben Bereich, nämlich 150 bis 300 Minuten pro Woche. Diese Werte beschreiben ein Ausmass an Aktivität, nicht eine Behandlung.

Auffällig an dieser Übersicht ist die Verteilung der Zeithorizonte. Nur der erste Ansatz wirkt innerhalb der Zeitspanne, in der die meisten Menschen eine Wirkung erwarten, nämlich sofort; alle übrigen brauchen Wochen und setzen voraus, dass sie ohne sichtbaren Erfolg fortgesetzt werden. Wer beides verwechselt und von einem achtwöchigen Kurs eine Wirkung am zweiten Tag erwartet, bricht ab, bevor überhaupt etwas messbar sein könnte. Umgekehrt bringt eine Atemübung keinen Aufbau: Sie lässt sich nicht sparen und nicht ansammeln.

Wie lässt sich langsames Atmen Schritt für Schritt üben?

Langsames Atmen ist der Ansatz mit der niedrigsten Einstiegshürde, weil er keine Ausrüstung, keinen Kurs und keinen bestimmten Ort verlangt. Untersucht wurde meist eine Atemfrequenz von etwa sechs Atemzügen pro Minute über einige Minuten. Statt zehn Verfahren zu streifen, folgt hier ein einziges im Ablauf:

  1. Aufrecht sitzen, beide Füsse am Boden, Schultern locker hängen lassen.
  2. Eine Hand auf den Bauch legen und einige Atemzüge lang nur beobachten, ohne etwas zu verändern.
  3. Durch die Nase einatmen und dabei innerlich bis vier zählen.
  4. Ausatmen lassen und dabei bis sechs zählen; die Ausatmung ist länger als die Einatmung, ohne dass gepresst wird.
  5. Diesen Ablauf drei bis fünf Minuten fortsetzen, bei abschweifender Aufmerksamkeit einfach zum Zählen zurückkehren.
  6. Wer dabei Schwindel, Kribbeln oder Unbehagen bemerkt, kehrt zur normalen Atmung zurück und beendet die Übung.

Diese Übung verändert den Zustand in dem Moment, in dem sie stattfindet. Sie ist kein Verfahren gegen ein Symptom und ersetzt keine Abklärung wiederkehrender Beschwerden.

Wann verschwinden die Beschwerden wieder?

Für körperliche Beschwerden bei psychischer Belastung gibt es keinen verlässlichen Zeitplan, und jede Zahl, die eine solche Frist nennt, ist erfunden. Der Verlauf hängt davon ab, ob die auslösende Belastung fortbesteht, wie lange sie schon anhält, welche weiteren gesundheitlichen Faktoren mitspielen und ob eine Abklärung stattgefunden hat. Beschwerden, die an eine abgrenzbare Belastungsphase gebunden sind, klingen häufig mit dieser Phase ab; Beschwerden, die sich über Monate eingerichtet haben, folgen dieser Regel oft nicht.

Ein Punkt wird dabei regelmässig übersehen: Die Aufmerksamkeit, die einem Symptom gilt, ist selbst Teil des Geschehens. Wer mehrmals täglich prüft, ob das Herzklopfen noch da ist, hält die Beobachtung aufrecht, die den Zustand mitträgt. Das ist keine Schuldzuweisung und kein Beweis dafür, dass die Beschwerde harmlos ist; es ist ein Grund mehr, die Deutung eines Signals nicht allein sich selbst zu überlassen. Der Beitrag Körpersignale einordnen geht auf die Mehrdeutigkeit solcher Signale ein.

Was sich sagen lässt: Anhaltende Beschwerden über mehrere Wochen, eine Zunahme der Beschwerden oder eine spürbare Einschränkung von Arbeit, Schlaf und Beziehungen sind Anlass für eine ärztliche Beurteilung, unabhängig davon, wie konsequent geübt wurde.

Realistisch ist deshalb eine andere Zielgrösse als das Verschwinden. Beobachtbar sind Veränderungen im Umgang: wie stark eine Beschwerde den Tag bestimmt, wie schnell sich der Zustand nach einer Belastungsspitze wieder beruhigt, wie viel Aktivität trotz Beschwerde möglich bleibt. Diese Grössen verändern sich früher als das Symptom selbst und sind für die einzelne Person überprüfbar, ohne dass dafür ein Test, ein Fragebogen oder ein Messgerät nötig wäre.

Wann reicht Selbstregulation nicht aus?

Selbstregulation reicht nicht aus, sobald Beschwerden anhalten, sich verstärken oder den Alltag einschränken, und sie ist in keinem Fall der richtige erste Schritt bei akuten Warnzeichen. Dazu zählen Schmerzen in der Brust, Atemnot, neu aufgetretene neurologische Ausfälle, ungewollter Gewichtsverlust, Blut im Stuhl oder Urin sowie Fieber ohne erkennbare Ursache. In diesen Fällen gehört die Beurteilung zur Ärztin oder zum Arzt, nicht in eine Atemübung.

Auch ohne solche Warnzeichen gibt es eine Grenze. Selbstregulation ist eine Alltagskompetenz, keine Psychotherapie und keine Behandlung. Bei anhaltender Niedergeschlagenheit, ausgeprägter Angst, Rückzug aus dem sozialen Umfeld oder Gedanken, sich selbst zu schaden, ist eine Fachperson beizuziehen; bei Gedanken an Selbstverletzung oder Suizid unverzüglich. In der Schweiz ist die Hausarztpraxis der übliche Einstieg, von dem aus die weitere Zuweisung erfolgt. Wie dieser Weg konkret verläuft und was die obligatorische Krankenpflegeversicherung dabei übernimmt, steht im Beitrag Wann eine körperliche Abklärung sinnvoll ist.

Für den Arbeitskontext liegen in der Schweiz eigene Erhebungen vor. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) untersucht Stress bei Erwerbstätigen im Rahmen seiner Arbeitsbedingungenstudien, und Gesundheitsförderung Schweiz erhebt seit 2014 regelmässig den Job-Stress-Index, der Belastungen und Ressourcen am Arbeitsplatz gegenüberstellt. Solche Erhebungen zeigen, dass ein erheblicher Teil der Belastung strukturell entsteht. Wo die Ursache in den Arbeitsbedingungen liegt, kann individuelle Selbstregulation den Zustand abfedern, aber die Ursache nicht beheben.

Quellen

  • Zaccaro, A. et al. (2018). How Breath-Control Can Change Your Life: A Systematic Review on Psycho-Physiological Correlates of Slow Breathing. Frontiers in Human Neuroscience, 12, 353.
  • Goyal, M. et al. (2014). Meditation Programs for Psychological Stress and Well-being: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Internal Medicine, 174(3), 357-368.
  • Cooney, G. M. et al. (2013). Exercise for depression. Cochrane Database of Systematic Reviews, Issue 9.
  • Jacobson, E. (1929). Progressive Relaxation. Chicago: University of Chicago Press.
  • Weltgesundheitsorganisation (2020). WHO guidelines on physical activity and sedentary behaviour. Genf.
  • Bundesamt für Sport, Bundesamt für Gesundheit und Partner: Bewegungsempfehlungen für die Schweiz.
  • Gesundheitsförderung Schweiz: Job-Stress-Index, Erhebungen seit 2014.
  • Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO): Studien zu Stress und Arbeitsbedingungen in der Schweiz.

Dieser Beitrag ist eine unabhängige redaktionelle Einordnung und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Er stellt keine Diagnose und keine Behandlungsempfehlung dar. Bei anhaltenden, zunehmenden oder neu auftretenden Beschwerden wenden Sie sich an Ihre Hausärztin, Ihren Hausarzt oder eine anerkannte Fachperson.