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Nährstoffe und Nervensystem: was bekannt ist

Körper & Psyche8 Min. LesezeitZuletzt geprüft: August 2026

Einfaches Gericht auf Keramikteller mit Blattgemüse, Nüssen und Vollkornbrot auf hellem Holz

Das Nervensystem ist für seine Funktion auf eine Reihe von Nährstoffen angewiesen, darunter mehrere B-Vitamine, Eisen, Jod, Magnesium und langkettige Omega-3-Fettsäuren. Bekannt ist, welche Rolle diese Stoffe im Stoffwechsel des Nervengewebes spielen und welche Lebensmittel sie liefern; nicht belegt ist, dass sich seelisches Befinden über die Auswahl einzelner Lebensmittel steuern liesse. Dieser Beitrag hält beides auseinander und stützt sich dabei auf die Empfehlungen der Schweizer Fachstellen.

Welche Nährstoffe spielen für das Nervensystem eine Rolle?

Für das Nervensystem dokumentiert sind vor allem die B-Vitamine Thiamin (B1), Vitamin B6, Folat und Vitamin B12, dazu Eisen, Jod, Magnesium sowie die langkettigen Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA. Diese Stoffe sind an Energiegewinnung, Bildung von Botenstoffen, Aufbau der Myelinscheiden und Reizweiterleitung beteiligt. Die Beteiligung an einem Vorgang ist dabei etwas anderes als eine Wirkung: Ein Nährstoff, der für eine Funktion nötig ist, verbessert diese Funktion nicht automatisch, wenn mehr davon zugeführt wird.

Nährstoffe mit dokumentierter Funktion im Nervensystem und ihre Lebensmittelquellen
NährstoffDokumentierte FunktionLebensmittel
Thiamin (Vitamin B1)Beteiligt am Kohlenhydratstoffwechsel, aus dem Nervenzellen ihre Energie beziehenVollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Schweinefleisch, Sonnenblumenkerne
Vitamin B6Beteiligt am Aminosäurestoffwechsel und an der Bildung von BotenstoffenKartoffeln, Fisch, Geflügel, Bananen, Nüsse
FolatBeteiligt an Zellteilung und Blutbildung, bedeutsam für die Entwicklung des Neuralrohrs in der FrühschwangerschaftGrünes Blattgemüse, Hülsenfrüchte, Kohlarten, Eier
Vitamin B12Beteiligt an Blutbildung und am Erhalt der Myelinscheiden der NervenfasernAusschliesslich tierische Lebensmittel: Fleisch, Fisch, Eier, Milchprodukte
EisenBestandteil des Hämoglobins und damit des Sauerstofftransports zu allen Geweben, auch zum GehirnFleisch, Hülsenfrüchte, Haferflocken, Kerne; pflanzliches Eisen wird schlechter aufgenommen
JodBaustein der Schilddrüsenhormone, die Stoffwechsel und Hirnentwicklung mitsteuernJodiertes Speisesalz, Milchprodukte, Meerfisch
MagnesiumBeteiligt an der Erregungsübertragung zwischen Nerv und MuskelVollkornprodukte, Nüsse, Hülsenfrüchte, grünes Gemüse, Mineralwasser
Omega-3-Fettsäuren EPA und DHABestandteile der Zellmembranen im NervengewebeFettreicher Meerfisch; die Vorstufe ALA in Raps-, Baumnuss- und Leinöl

Was aus dieser Aufstellung nicht folgt, ist eine Wirkung auf das Befinden. Für Aussagen, wonach einzelne Nährstoffe die Stimmung heben, Ängste dämpfen oder Anspannung lösen, ist die Studienlage uneinheitlich und in weiten Teilen schwach; ein solcher Zusammenhang lässt sich mit den vorliegenden Daten nicht behaupten. Wie körperliche Anspannung tatsächlich entsteht, beschreibt der Beitrag zu Anspannung und Muskeltonus, und die dahinterliegende Steuerung ist unter Das vegetative Nervensystem dargestellt.

Der Bedarf an diesen Nährstoffen ist zudem nicht über das Leben hinweg konstant. In Schwangerschaft und Stillzeit, in Wachstumsphasen, im höheren Alter sowie bei bestimmten Erkrankungen oder Operationen am Verdauungstrakt verändert er sich, und auch die Aufnahmefähigkeit des Körpers ist nicht bei allen Menschen gleich. Wer zu einer dieser Gruppen gehört, klärt die Frage mit der Hausärztin, dem Hausarzt oder einer Ernährungsberaterin mit anerkanntem Abschluss, nicht anhand allgemeiner Nährwerttabellen.

Welche Rolle spielen Mahlzeitenrhythmus und Flüssigkeit?

Mahlzeitenrhythmus und Flüssigkeitszufuhr wirken auf das Nervensystem unmittelbarer als die Auswahl einzelner Nährstoffe, weil sie den Blutzucker und den Wasserhaushalt betreffen. Ein stark abfallender Blutzucker nach langen Essenspausen äussert sich bei vielen Menschen in Zittrigkeit, Reizbarkeit, Konzentrationsschwäche und Herzklopfen, also in Zeichen, die einer Anspannungsreaktion sehr ähnlich sehen und regelmässig mit ihr verwechselt werden.

Für die Flüssigkeit ist die Beweislage schwächer, als der Alltagsverstand vermuten lässt: Einige Studien deuten darauf hin, dass bereits ein leichtes Flüssigkeitsdefizit mit einer verminderten Konzentrationsleistung und häufigeren Kopfschmerzen verbunden ist; die Untersuchungen sind klein und die Messverfahren uneinheitlich. Die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung ordnet ungesüsste Getränke deshalb als Basis der Lebensmittelpyramide ein, ohne daraus eine gesundheitliche Wirkung abzuleiten.

Was empfehlen die Schweizer Fachstellen?

Die Schweizer Fachstellen empfehlen keine einzelnen Nährstoffe für das Nervensystem, sondern eine ausgewogene Gesamternährung. Referenz dafür ist die Schweizer Lebensmittelpyramide der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung (SGE) zusammen mit den Ernährungsempfehlungen des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). Beide arbeiten mit Lebensmittelgruppen und Häufigkeiten, nicht mit Zielwerten für Einzelstoffe.

Wie die Bevölkerung tatsächlich isst, hat die nationale Ernährungserhebung menuCH erfasst, durchgeführt 2014 und 2015 und vom BLV veröffentlicht. Sie zeigte unter anderem einen Gemüse- und Früchtekonsum unter den Empfehlungen und eine Salzzufuhr deutlich über den fünf Gramm pro Tag, die die Weltgesundheitsorganisation in ihrer Leitlinie von 2012 als Obergrenze für Erwachsene nennt. Solche Erhebungen beschreiben Durchschnitte einer Bevölkerung und sagen nichts über eine einzelne Person aus.

Zwei Themen sind in der Schweiz anders gelagert als in den deutschen Ratgebertexten, die zu diesem Stichwort meist zuerst erscheinen. Erstens das Jod: Die Schweiz gehörte 1922 zu den ersten Ländern, die jodiertes Speisesalz einführten, weil Kropf und Jodmangel damals verbreitet waren; der Jodgehalt des Speisesalzes wurde seither mehrfach angehoben und die Versorgung wird vom Bund regelmässig überwacht. Wer Salz meidet, unjodiertes Spezialsalz verwendet oder wenig Milchprodukte isst, hat deshalb eine andere Ausgangslage als der Durchschnitt. Zweitens das Vitamin D: Auf den Breitengraden der Schweiz reicht die Sonneneinstrahlung in den Wintermonaten nicht aus, damit die Haut nennenswert Vitamin D bildet, worauf die Eidgenössische Ernährungskommission bereits in ihrem Bericht von 2012 hinwies. Über den Umgang damit entscheidet die Ärztin oder der Arzt im Einzelfall, nicht ein Artikel.

Auffällig ist, was in diesen Empfehlungen nicht steht. Weder die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung noch das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen nennen Lebensmittel oder Nährstoffe zur Beeinflussung des seelischen Befindens. Der Grund ist nicht Vorsicht aus Prinzip, sondern die Datenlage: Ernährungsstudien beim Menschen beruhen überwiegend auf Selbstauskünften über längere Zeiträume, sie lassen sich kaum verblinden, und die Ernährungsweise ist eng mit Einkommen, Bildung, Bewegung und Schlaf verknüpft. Beobachtete Zusammenhänge zwischen einem Ernährungsmuster und dem Befinden erlauben deshalb keinen Schluss auf eine Ursache.

Woran erkennt man einen Mangel?

Ein Nährstoffmangel lässt sich an Beschwerden allein nicht erkennen, sondern nur durch eine Untersuchung bei einer Fachperson, in der Regel über eine Blutanalyse. Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, Kribbeln in Händen und Füssen oder Blässe sind völlig unspezifisch: Dieselben Beschwerden treten bei Schlafmangel, bei Schilddrüsenerkrankungen, bei psychischer Belastung und bei zahlreichen anderen Zuständen auf. Genau deshalb sind Selbsttests und Symptomlisten aus dem Internet für diese Frage untauglich.

Belegt ist, dass bestimmte Konstellationen die Wahrscheinlichkeit erhöhen. Vitamin B12 kommt praktisch nur in tierischen Lebensmitteln vor, weshalb die Eidgenössische Ernährungskommission in ihrem Bericht zur veganen Ernährung von 2018 die Versorgung mit diesem Vitamin als zentralen Punkt behandelt. Eisenmangel ist gemäss Weltgesundheitsorganisation weltweit der häufigste Nährstoffmangel und betrifft besonders menstruierende Frauen, Schwangere und Kinder in Wachstumsphasen. Ein ausgeprägter Vitamin-B12-Mangel kann neurologische Beschwerden verursachen, die sich über Monate entwickeln (Green et al., 2017); das ist ein medizinischer Befund, der abgeklärt und ärztlich behandelt wird.

Situationen, in denen eine ärztliche Beurteilung der Nährstoffversorgung häufiger angezeigt ist, lassen sich kurz aufzählen:

  • rein pflanzliche Ernährung ohne fachliche Begleitung;
  • Schwangerschaft, Stillzeit und Kinderwunsch;
  • starke oder verlängerte Menstruationsblutungen;
  • chronische Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts oder frühere Eingriffe daran;
  • dauerhafte Einnahme von Medikamenten, welche die Aufnahme einzelner Nährstoffe beeinflussen können;
  • deutlich eingeschränkte Nahrungsauswahl, etwa bei Appetitverlust oder starkem Gewichtsverlust.

Diese Liste beschreibt Anlässe für ein Gespräch, keine Diagnosen. Ob eine Blutanalyse nötig ist und welche Werte dabei überhaupt aussagekräftig sind, entscheidet die Fachperson; viele frei angebotene Analysen liefern Werte, die ohne klinischen Zusammenhang nicht interpretierbar sind.

Umgekehrt gilt: Ein normaler Laborwert schliesst Beschwerden nicht aus und macht sie nicht eingebildet. Wie sich unklare Körpersignale einordnen lassen, ohne sie zu über- oder zu unterschätzen, behandelt der Beitrag Körpersignale deuten.

Ersetzt Ernährung eine Behandlung?

Nein. Ernährung ist ein Teil der Lebensführung und kein Behandlungsverfahren; sie ersetzt weder eine ärztliche Abklärung noch eine Psychotherapie. Kein Lebensmittel und kein einzelner Nährstoff beugt einer psychischen oder körperlichen Erkrankung vor, behandelt sie oder heilt sie, und Aussagen dieser Art halten einer Prüfung nicht stand.

Diese Klarstellung ist nötig, weil das Themenfeld stark beworben wird. Der Umstand, dass ein Nährstoff im Nervengewebe eine Funktion erfüllt, wird regelmässig in die Behauptung übersetzt, seine Zufuhr verbessere Stimmung oder Belastbarkeit. Dieser Schluss ist logisch nicht zulässig, und er ist auch nicht belegt. Was seelische Belastung im Körper tatsächlich auslöst, ist in Wie Körper und Psyche zusammenhängen beschrieben, und was der Begriff Psychosomatik heute umfasst, steht in den Grundlagen der Psychosomatik.

Sinnvoll bleibt der bescheidenere Rahmen: eine Ernährung entlang der Schweizer Lebensmittelpyramide, regelmässige Mahlzeiten und ausreichend Flüssigkeit sind Teil einer stabilen Tagesstruktur. Welche weiteren Alltagsansätze untersucht sind und in welchem Zeitraum sie überhaupt wirken können, zeigt der Beitrag Selbstregulation im Alltag. Bei anhaltenden Beschwerden, bei Verdacht auf einen Mangel oder bei bestehenden Erkrankungen führt der Weg über die Hausarztpraxis: Wann eine solche Abklärung angezeigt ist und wie sie in der Schweiz abläuft, steht unter Wann eine körperliche Abklärung sinnvoll ist.

Quellen

  • Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE): Schweizer Lebensmittelpyramide.
  • Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV): Schweizer Ernährungsempfehlungen.
  • Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV): menuCH, nationale Ernährungserhebung 2014/2015.
  • Eidgenössische Ernährungskommission (EEK): Bericht zur Vitamin-D-Versorgung in der Schweiz, 2012.
  • Eidgenössische Ernährungskommission (EEK): Bericht zur veganen Ernährung, 2018.
  • Weltgesundheitsorganisation (2012). Guideline: Sodium intake for adults and children. Genf.
  • Bundesamt für Gesundheit (BAG): Jodversorgung und jodiertes Speisesalz in der Schweiz.
  • Green, R. et al. (2017). Vitamin B12 deficiency. Nature Reviews Disease Primers, 3, 17040.

Dieser Beitrag ist eine unabhängige redaktionelle Einordnung und ersetzt keine ärztliche oder ernährungsberaterische Beratung. Er stellt keine Diagnose, keine Behandlungsempfehlung und keine Empfehlung zur Einnahme einzelner Nährstoffe dar. Bei anhaltenden Beschwerden oder bei Verdacht auf einen Mangel wenden Sie sich an Ihre Hausärztin, Ihren Hausarzt oder eine anerkannte Fachperson.