Anspannung und Muskeltonus: der Zusammenhang

Muskeltonus bezeichnet die Grundspannung, die ein Muskel auch dann behält, wenn keine Bewegung ausgeführt wird. Psychische Anspannung verändert diesen Tonus messbar, am deutlichsten in der Nacken- und Schultermuskulatur sowie in der Kaumuskulatur. Dieser Beitrag beschreibt, wie der Zusammenhang zwischen Anspannung und Muskeltonus zustande kommt, was er aussagt und wo er nicht mehr genügt, um Beschwerden zu erklären.
Was ist Muskeltonus?
Muskeltonus ist die Grundspannung eines Muskels im Ruhezustand. Sie entsteht einerseits aus den passiven elastischen Eigenschaften von Muskel- und Bindegewebe, andererseits aus einer dauernden unbewussten Nervenaktivität, die über Muskelspindeln rückgemeldet und im Rückenmark verschaltet wird. Muskeltonus ist damit keine Empfindung, sondern eine physikalische Grösse: Sie zeigt sich als Widerstand, den ein entspannter Körperteil einer passiven Bewegung entgegensetzt.
In der Neurologie hat der Begriff eine enge Bedeutung. Eine Fachperson prüft den Muskeltonus, indem sie ein Gelenk passiv bewegt, und beschreibt das Ergebnis als normal, herabgesetzt oder erhöht; erhöhte Formen wie Spastik oder Rigor sind Befunde mit klar umschriebenen Ursachen im Nervensystem. Das umgangssprachliche Wort «Verspannung» meint etwas anderes: ein Gefühl von Steifigkeit, Druck oder Ziehen, meist in Nacken, Schultern, Kiefer oder unterem Rücken. Beide Bedeutungen zu trennen lohnt sich, weil sie nicht dasselbe messen.
Wie gut sich eine gefühlte Verspannung überhaupt objektivieren lässt, ist offen. Eine systematische Übersicht von Lucas und Kolleginnen, 2009 im Clinical Journal of Pain erschienen, kam zum Schluss, dass für das Ertasten myofaszialer Triggerpunkte keine ausreichend belegte Übereinstimmung zwischen verschiedenen Untersuchenden nachgewiesen ist. Einige Untersuchungen deuten zudem darauf hin, dass das subjektive Spannungsgefühl und die mit Oberflächen-Elektromyographie gemessene Muskelaktivität nur locker zusammenhängen. Das spricht nicht gegen die Beschwerden, aber gegen die Vorstellung, ein Tastbefund sei eine Messung. Praktisch bedeutet es: Wer sich verspannt fühlt, hat deswegen nicht zwingend einen erhöhten Muskeltonus im neurologischen Sinn, und umgekehrt bleibt erhöhte Haltearbeit oft unbemerkt, solange sie nicht schmerzt.
Warum verspannen sich Nacken und Schultern bei Belastung?
Bei psychischer Belastung steigt die Aktivität der Nacken- und Schultermuskulatur auch dann, wenn körperlich nichts zu leisten ist. Eine Untersuchung von Lundberg und Kolleginnen, 1994 im International Journal of Behavioral Medicine veröffentlicht, zeigte unter rein mentaler Belastung eine erhöhte elektromyographische Aktivität des Musculus trapezius. Der Anstieg ist klein, hält aber an, solange die Aufmerksamkeit auf der Aufgabe liegt.
Dass gerade diese Region betroffen ist, hat mechanische Gründe. Der Kopf eines Erwachsenen wiegt rund fünf Kilogramm und ruht auf der Halswirbelsäule; die Trapezmuskulatur hält Kopf und Schultergürtel in Position, arbeitet also über Stunden auf niedrigem Niveau statt in Belastungsspitzen. Neigt sich der Kopf beim Lesen eines Bildschirms nach vorn, verlängert sich der Hebel und die Haltearbeit nimmt zu, ohne dass sich die Person bewegt fühlt.
In der Arbeitsphysiologie wird dieser Dauerzustand mit der sogenannten Cinderella-Hypothese beschrieben: kleine, früh rekrutierte Muskelfasern werden bei einer langen statischen Tätigkeit als Erste eingeschaltet und als Letzte wieder abgeschaltet, bleiben also über die gesamte Dauer aktiv. Ob daraus Beschwerden entstehen, ist nicht abschliessend geklärt; die Hypothese bleibt eine Erklärungsidee und kein gesicherter Mechanismus.
Dazu kommt eine Aufmerksamkeitsschleife. Wer konzentriert oder unter Zeitdruck arbeitet, unterbricht seltener, wechselt die Haltung seltener und atmet flacher. Der Muskel wird dabei nicht «verkrampft», er kommt nur nie vollständig zur Ruhe. Genau darum lässt sich eine anhaltende Anspannung nicht durch Willen allein auflösen: Bewusst lockern kann eine Person einen Muskel, den sie gerade wahrnimmt, doch die Aufmerksamkeit kehrt innerhalb von Sekunden zur Aufgabe zurück, und mit ihr die Haltearbeit.
Was hat Kieferpressen mit Anspannung zu tun?
Kieferpressen und Zähneknirschen werden unter dem Begriff Bruxismus zusammengefasst. Ein internationales Konsenspapier von Lobbezoo und Kolleginnen, 2018 im Journal of Oral Rehabilitation erschienen, beschreibt Bruxismus als Aktivität der Kaumuskulatur und unterscheidet Wachbruxismus vom Schlafbruxismus. Bei ansonsten gesunden Personen gilt Bruxismus dort ausdrücklich nicht als Krankheit, sondern als Verhalten, das je nach Ausprägung ein Risikofaktor oder auch ein Schutzfaktor sein kann.
Wie verbreitet das Verhalten ist, fasste eine systematische Übersicht von Manfredini und Kolleginnen 2013 im Journal of Orofacial Pain zusammen: Für Wachbruxismus bei Erwachsenen wurden Werte von rund 22 bis 31 Prozent berichtet, für Schlafbruxismus rund 13 Prozent. Die Zahlen stammen überwiegend aus Selbstangaben und schwanken je nach Erhebungsmethode erheblich.
Wichtig ist die Trennung der beiden Formen. Wachbruxismus wird häufig in Situationen von Konzentration, Ärger oder Zeitdruck bemerkt und passt damit gut zum Bild der willentlich kaum steuerbaren Anspannung. Schlafbruxismus folgt anderen Mechanismen und steht mit kurzen Weckreaktionen im Schlaf in Verbindung; die Gleichung «Stress gleich Knirschen» greift für diese Form zu kurz. Beurteilt werden Abrieb der Zahnhartsubstanz, druckempfindliche Kaumuskeln am Morgen oder Schmerzen im Schläfenbereich von einer Zahnärztin oder einem Zahnarzt. Eine Aufbissschiene schützt dabei die Zähne, sie beendet die Muskelaktivität nicht.
Welche Körperregionen sind am häufigsten betroffen?
Anspannung zeigt sich im Muskeltonus vor allem an drei Stellen: Nacken und Schultern, Kiefer und Schläfen sowie unterer Rücken. Die drei Regionen haben gemeinsam, dass ihre Muskulatur Haltearbeit leistet und deshalb auf Dauerbelastung anders reagiert als ein Muskel, der bewegt wird. Die folgende Übersicht ordnet je Region den Mechanismus und die Warnzeichen zu, bei denen die Erklärung «Anspannung» nicht mehr ausreicht.
| Körperregion | Was dort geschieht | Wann ärztlich abklären |
|---|---|---|
| Nacken und Schultern | Anhaltende Haltearbeit der Trapezmuskulatur bei statischer Kopfhaltung, zusätzlich erhöht unter mentaler Belastung | Ausstrahlung in Arm oder Hand mit Taubheit oder Kraftverlust, Beschwerden nach einem Sturz, Fieber, anhaltender Schmerz über Wochen |
| Kiefer und Schläfen | Aktivität der Kaumuskulatur ohne Kaufunktion, tagsüber als Wachbruxismus, nachts als Schlafbruxismus | Blockierung oder Sperre des Kiefergelenks, deutlicher Zahnabrieb, plötzlicher Kieferschmerz zusammen mit Brustenge, Atemnot oder Übelkeit |
| Unterer Rücken | Schonhaltung und vermehrte Anspannung der Rumpfmuskulatur, oft verstärkt durch Bewegungsvermeidung aus Sorge vor Schmerz | Störung von Blase oder Darm, Taubheit im Gesässbereich, nächtlicher Ruheschmerz, ungewollter Gewichtsverlust, Fieber |
Die dritte Zeile verdient eine Bemerkung. Beim unteren Rücken ist weniger die Anspannung selbst das Problem als der Kreislauf aus Schmerz, Vorsicht und Bewegungsvermeidung: Wer eine Bewegung meidet, verliert die Rückmeldung, dass sie möglich ist, und die Schonhaltung erhält die Spannung aufrecht. Dieses Muster ist gut beschrieben und einer der Gründe, weshalb Ruhe bei unspezifischen Rückenbeschwerden heute nicht mehr empfohlen wird.
Welche Übungen sind untersucht?
Am längsten untersucht ist die progressive Muskelentspannung nach Edmund Jacobson, die dieser ab den 1920er-Jahren entwickelte und 1938 unter dem Titel «Progressive Relaxation» beschrieb. Das Verfahren ist beschrieben und in zahlreichen Studien angewendet worden; das bedeutet nicht, dass es eine Beschwerde behandelt oder eine Erkrankung beeinflusst. Der Ablauf ist einfach: Eine Muskelgruppe wird für etwa fünf bis sieben Sekunden angespannt, dann gelöst, und der Unterschied wird für zwanzig bis dreissig Sekunden bewusst wahrgenommen, bevor die nächste Gruppe folgt.
Der Kern ist dabei nicht die Entspannung, sondern die Wahrnehmung. Geübt wird, überhaupt zu bemerken, dass ein Muskel gespannt ist, denn genau diese Rückmeldung fehlt im Arbeitsalltag. Aussagen zur Wirksamkeit sind zurückhaltend zu formulieren: Die Belege beziehen sich auf angeleitete Programme mit definierter Dauer, nicht auf gelegentliches Ausprobieren, und sie sind in Qualität und Ergebnis uneinheitlich. Wer die Übung ausprobiert, sollte zudem wissen, dass sie bei sehr hoher Anspannung anfangs unangenehm sein kann, weil das Anspannen den Zustand kurzzeitig verstärkt.
Für den Nackenbereich existiert eine bessere Datenlage zu Bewegung als zu Entspannung. Eine Cochrane-Übersicht von Gross und Kolleginnen aus dem Jahr 2015 fand für gezielte Kräftigungsübungen der Nacken- und Schulterblattmuskulatur bei anhaltenden Nackenbeschwerden Hinweise auf einen Nutzen bei mässiger Evidenzqualität; für Dehnen allein und für unspezifische Übungsprogramme war die Grundlage schwächer. Ergänzend empfiehlt die Suva für Bildschirmarbeit regelmässige Haltungswechsel und kurze Unterbrechungen, was in dieselbe Richtung zielt: Der wirksamste Gegenspieler statischer Haltearbeit ist Bewegung, nicht Stillhalten.
Wann gehören Verspannungen abgeklärt?
Verspannungen gehören ärztlich abgeklärt, wenn Beschwerden über mehrere Wochen anhalten, nachts in Ruhe auftreten, einseitig bleiben oder von Fieber, ungewolltem Gewichtsverlust, Taubheit, Kraftverlust oder einer Störung von Blase und Darm begleitet werden. Diese Warnzeichen sind in Schweizer Hausarztgrundlagen wie den mediX-Guidelines zu Rückenschmerzen als Anlass für eine sofortige Beurteilung aufgeführt. Erste Ansprechstelle ist in der Schweiz üblicherweise die Hausarztpraxis, die bei Bedarf weiterweist. Ohne solche Warnzeichen ist eine bildgebende Untersuchung bei unspezifischen Nacken- und Rückenbeschwerden in den ersten Wochen in der Regel nicht angezeigt, weil Zufallsbefunde häufig sind und selten erklären, woher der Schmerz kommt.
Ein Sonderfall betrifft den Kiefer. Die Schweizerische Herzstiftung weist darauf hin, dass sich ein Herzinfarkt auch mit Schmerzen in Kiefer, Nacken, Schultern oder Oberbauch zeigen kann, besonders bei Frauen. Treten solche Schmerzen plötzlich auf und kommen Engegefühl in der Brust, Atemnot, kalter Schweiss oder Übelkeit dazu, ist das keine Verspannung: In diesem Fall gilt der Notruf 144, ohne Abwarten.
Für alle übrigen Fälle bleibt eine nüchterne Einordnung. Ein erhöhter Muskeltonus unter Anspannung ist eine normale Reaktion und kein Befund, aus dem sich eine Diagnose ableiten lässt. Er sagt etwas über die Belastungssituation aus, nichts über ihre Ursache, und er ersetzt keine Untersuchung. Wer die eigenen Signale einordnen möchte, kommt weiter, wenn er Dauer, Seitigkeit und Begleitumstände beobachtet, statt einer einzelnen Empfindung eine Bedeutung zuzuschreiben.
Quellen
- Lundberg, U., Kadefors, R., Melin, B., et al. (1994). Psychophysiological stress and EMG activity of the trapezius muscle. International Journal of Behavioral Medicine, 1(4), 354–370.
- Lucas, N., Macaskill, P., Irwig, L., Moran, R., Bogduk, N. (2009). Reliability of physical examination for diagnosis of myofascial trigger points: a systematic review of the literature. Clinical Journal of Pain, 25(1), 80–89.
- Lobbezoo, F., Ahlberg, J., Raphael, K. G., et al. (2018). International consensus on the assessment of bruxism: Report of a work in progress. Journal of Oral Rehabilitation, 45(11), 837–844.
- Manfredini, D., Winocur, E., Guarda-Nardini, L., Paesani, D., Lobbezoo, F. (2013). Epidemiology of bruxism in adults: a systematic review of the literature. Journal of Orofacial Pain, 27(2), 99–110.
- Gross, A., Kay, T. M., Paquin, J. P., et al. (2015). Exercise for mechanical neck disorders. Cochrane Database of Systematic Reviews, (1), CD004250.
- Jacobson, E. (1938). Progressive Relaxation. University of Chicago Press.
- mediX schweiz: Guideline Rückenschmerzen, Abschnitt Warnzeichen (medix.ch).
- Suva: Informationen zur Bildschirmarbeit, Haltungswechsel und Pausen (suva.ch).
- Schweizerische Herzstiftung: Warnzeichen des Herzinfarkts, auch untypische Beschwerden (swissheart.ch).
Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine medizinische Beratung. Anhaltende, einseitige oder nächtliche Schmerzen sowie Beschwerden mit Taubheit, Kraftverlust, Fieber oder Gewichtsverlust gehören ärztlich abgeklärt. Bei plötzlichem Kiefer- oder Brustschmerz mit Atemnot wählen Sie in der Schweiz den Notruf 144.