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Psychosomatik: die Grundlagen verständlich erklärt

Körper & Psyche8 Min. LesezeitZuletzt geprüft: August 2026

Gelenkpuppe aus Holz sitzt nachdenklich auf hellem Schreibtisch neben geschlossenem Notizbuch

Psychosomatik ist das Fachgebiet, das den Zusammenhang zwischen seelischem Erleben und körperlichen Vorgängen untersucht. Der Begriff setzt sich aus den griechischen Wörtern für Seele und Körper zusammen und meint kein einzelnes Krankheitsbild, sondern eine Betrachtungsweise. Dieser Beitrag erklärt, was Psychosomatik heute bezeichnet, warum die viel gesuchte Liste der sieben psychosomatischen Erkrankungen historisch überholt ist und welche Einordnung die Weltgesundheitsorganisation an ihre Stelle gesetzt hat.

Was ist Psychosomatik?

Psychosomatik bezeichnet die Lehre und die klinische Praxis, die körperliche Beschwerden und seelische Vorgänge gemeinsam betrachtet statt getrennt. Sie geht davon aus, dass biologische, psychische und soziale Faktoren bei Entstehung, Verlauf und Bewältigung von Beschwerden zusammenwirken. Der Ausdruck beschreibt also eine Perspektive auf Krankheit und nicht eine Gruppe von Krankheiten.

Historisch ist der Begriff seit dem frühen 19. Jahrhundert in der medizinischen Literatur belegt, seine heutige Prägung erhielt er aber im 20. Jahrhundert, zunächst stark psychoanalytisch, später zunehmend empirisch. Das heute gebräuchliche Denkmodell wird meist als biopsychosoziales Modell bezeichnet und geht auf den Internisten und Psychiater George L. Engel zurück, der es 1977 in Science beschrieb. Engels Anliegen war nicht, die Biologie zu ersetzen, sondern sie zu ergänzen.

Für die Praxis folgt daraus eine schlichte Konsequenz: Psychosomatik ersetzt keine körperliche Untersuchung, sie kommt zu ihr hinzu. Eine seelische Beteiligung wird nicht anstelle einer Abklärung angenommen, sondern zusätzlich zu ihr geprüft, und beides kann gleichzeitig zutreffen.

Abzugrenzen ist der Begriff von zwei benachbarten Ausdrücken, die im Alltag oft synonym verwendet werden. «Somatisch» bezeichnet schlicht alles Körperliche und sagt über die Ursache nichts aus. «Funktionell» bezeichnet Beschwerden, bei denen eine Körperfunktion gestört ist, ohne dass sich eine strukturelle Schädigung nachweisen lässt; das Reizdarmsyndrom ist das bekannteste Beispiel. Psychosomatik ist der weitere der drei Begriffe und schliesst auch Erkrankungen mit eindeutigem organischem Befund ein, sofern seelische Faktoren deren Verlauf mitprägen.

Heisst psychosomatisch, dass die Beschwerden eingebildet sind?

Psychosomatisch heisst nicht eingebildet. Der Begriff sagt etwas über die beteiligten Einflussfaktoren aus, nicht über die Echtheit der Beschwerden: Schmerz, Schwindel oder Herzklopfen sind real messbar erlebte Empfindungen, unabhängig davon, welcher Auslöser sie in Gang gesetzt hat. Diese Klarstellung gehört an den Anfang, weil das Missverständnis in der Sprechstunde regelmässig auftaucht.

Ebenso wenig bedeutet ein unauffälliger Befund, dass nichts vorliegt. Eine unauffällige Blutuntersuchung oder ein normales Elektrokardiogramm schliessen bestimmte Ursachen aus; sie sagen nichts darüber, wie stark eine Person ihre Beschwerden empfindet. Wahrnehmung und Messwert sind zwei verschiedene Ebenen, und die Medizin erkennt beide an.

Auch die Umkehrung ist falsch. Aus «die Beschwerden sind real» folgt nicht «die Ursache ist bekannt». Viele körperliche Beschwerden bleiben nach vollständiger Abklärung ohne eindeutige organische Erklärung, und das ist ein häufiges, gut dokumentiertes Ergebnis der Grundversorgung, kein Sonderfall.

Was sind die 7 psychosomatischen Erkrankungen?

Mit den sieben psychosomatischen Erkrankungen ist eine historische Aufzählung gemeint, die als «Holy Seven» bekannt wurde: Zwölffingerdarmgeschwür, Colitis ulcerosa, essenzieller Bluthochdruck, rheumatoide Arthritis, Schilddrüsenüberfunktion, Asthma bronchiale und Neurodermitis. Die Zusammenstellung geht auf den Psychoanalytiker Franz Alexander zurück, der diese Krankheitsbilder 1950 in Psychosomatic Medicine: Its Principles and Applications ausführlich behandelte. Sie ist heute keine gültige Klassifikation mehr, sondern ein Kapitel Medizingeschichte.

Der Grund liegt nicht in einer neuen Lehrmeinung, sondern in Befunden. Für mehrere dieser Krankheitsbilder wurden im späteren 20. Jahrhundert biologische Hauptursachen gefunden, die in Alexanders Modell nicht vorgesehen waren. Die folgende Tabelle stellt die historische Zuordnung dem heutigen Wissensstand gegenüber.

Die «Holy Seven» und der heutige Wissensstand
Krankheitsbild der historischen Liste Was heute dazu gilt
Zwölffingerdarmgeschwür Hauptursachen sind die Infektion mit Helicobacter pylori und entzündungshemmende Schmerzmittel. Barry Marshall und Robin Warren erhielten 2005 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für die Entdeckung dieses Zusammenhangs.
Colitis ulcerosa Chronisch entzündliche Darmerkrankung mit immunologischer und genetischer Grundlage. Belastung gilt als möglicher Einflussfaktor auf den Verlauf, nicht als Ursache.
Essenzieller Bluthochdruck Vielfaktorielles Geschehen mit Veranlagung, Alter, Gewicht, Bewegung, Salzzufuhr und Alkohol. Akute Anspannung hebt den Blutdruck kurzfristig, erklärt eine dauerhafte Erhöhung aber nicht.
Rheumatoide Arthritis Autoimmunerkrankung mit genetischen Risikofaktoren; Rauchen ist der am besten belegte beeinflussbare Risikofaktor.
Schilddrüsenüberfunktion Häufigste Form ist der Morbus Basedow, eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse. Die Symptome ähneln denen starker Anspannung, was zu Verwechslungen führen kann.
Asthma bronchiale Chronisch entzündliche Erkrankung der Atemwege mit allergischer und genetischer Komponente. Belastung kann Beschwerden auslösen oder verstärken, begründet die Erkrankung aber nicht.
Neurodermitis Chronische Hauterkrankung mit gestörter Hautbarriere und starker erblicher Komponente. Schübe treten häufig in Belastungsphasen auf, was den Verlauf betrifft, nicht die Entstehung.

Die Tabelle zeigt ein wiederkehrendes Muster: Der Einfluss seelischer Belastung ist bei mehreren dieser Erkrankungen für den Verlauf plausibel, für die Entstehung jedoch nicht belegt. Genau diese Unterscheidung fehlt in den meisten Darstellungen, welche die Liste bis heute unverändert weiterreichen.

Was gilt heute anstelle der Liste der sieben?

An die Stelle der Liste der sieben ist keine neue Krankheitsliste getreten, sondern eine andere Systematik. Die Weltgesundheitsorganisation führt in der elften Revision der Internationalen Klassifikation der Krankheiten, kurz ICD-11, unter der Kennung 6C20 die «bodily distress disorder». Diese Kategorie löst die somatoformen Störungen der ICD-10 ab, die dort unter F45 geführt wurden.

Massgebend ist dabei nicht mehr die Frage, ob sich ein organischer Befund findet, sondern das tatsächliche Beschwerdebild: belastende Körperbeschwerden, die über Monate an den meisten Tagen bestehen, verbunden mit einer stark auf diese Beschwerden gerichteten Aufmerksamkeit und einer Beeinträchtigung des Alltags. Zusätzlich kennt die ICD-11 unter 6E40 die Kategorie für psychische oder verhaltensbezogene Faktoren, die eine anderswo klassifizierte Erkrankung beeinflussen. Damit wird genau das abgebildet, was die alte Liste vermischte: der Einfluss auf einen Verlauf.

Zur Einordnung des Zeitrahmens: Die ICD-11 wurde 2019 von der Weltgesundheitsversammlung verabschiedet und trat am 1. Januar 2022 international in Kraft. Die Umstellung der nationalen Kodier- und Statistiksysteme läuft in vielen Ländern noch, weshalb in Berichten und Arztberichten weiterhin ICD-10-Bezeichnungen auftauchen können.

Was diese Neuordnung praktisch ändert, lässt sich in einem Satz sagen: Eine Einordnung wird heute an dem festgemacht, was vorliegt, und nicht an dem, was fehlt. Die frühere Logik lautete sinngemäss, dass Beschwerden ohne organischen Befund als seelisch bedingt gelten. Diese Ausschlusslogik führte regelmässig zu zwei Fehlern, nämlich zu übersehenen körperlichen Erkrankungen und zu Menschen, die sich mit ihren Beschwerden nicht ernst genommen fühlten. Die ICD-11 verlangt stattdessen eigene, positiv beschriebene Merkmale.

Was löst psychosomatische Beschwerden aus?

Psychosomatische Beschwerden entstehen in der Regel nicht aus einem einzelnen Auslöser, sondern aus dem Zusammentreffen mehrerer Faktoren. Fachlich werden drei Gruppen unterschieden: prädisponierende Faktoren, die den Boden bereiten, auslösende Faktoren, die den Beginn markieren, und aufrechterhaltende Faktoren, die dafür sorgen, dass Beschwerden bleiben, auch wenn der ursprüngliche Anlass vorbei ist.

  • Prädisponierend: Veranlagung, frühere schwere Erkrankungen, belastende Lebenserfahrungen, chronische körperliche Grunderkrankungen.
  • Auslösend: ein Infekt, eine Operation, ein Unfall, ein Trauerfall, ein Konflikt am Arbeitsplatz, eine Trennung, eine anhaltende Überforderung.
  • Aufrechterhaltend: Schonung über längere Zeit, Schlafmangel, gestörter Tagesrhythmus, starke Aufmerksamkeit auf den Körper, Sorge vor einer übersehenen Ursache, wiederholte Untersuchungen ohne Ergebnis.

Die dritte Gruppe ist die praktisch wichtigste und wird am häufigsten übersehen. Sie erklärt, warum Beschwerden fortbestehen können, nachdem der auslösende Anlass längst zurückliegt, und sie ist auch die Gruppe, an der eine Behandlung am ehesten ansetzt. Welche Substanzen dabei in Frage kommen, ist keine Frage für einen Ratgebertext, sondern für die behandelnde Ärztin oder den behandelnden Arzt.

Kann die Psyche starke körperliche Symptome auslösen?

Die Psyche kann körperliche Symptome auslösen, die stark und einschränkend sind. Bei akuter Anspannung steigen Herzfrequenz und Blutdruck, die Atmung wird schneller, die Muskelspannung nimmt zu, die Verdauung verändert sich: Vorgänge, die über das vegetative Nervensystem und über Stresshormone vermittelt werden und die sich messen lassen. Eine Panikattacke etwa ist von einem körperlichen Notfall im Erleben oft kaum zu unterscheiden.

Wie verbreitet die Ausgangslage in der Schweiz ist, zeigt die Schweizerische Gesundheitsbefragung des Bundesamts für Statistik BFS: In der Erhebung 2022 wiesen 18 Prozent der Bevölkerung ab 15 Jahren eine mittlere oder hohe psychische Belastung auf, gegenüber 15 Prozent im Jahr 2017. Diese Angabe beschreibt Belastung, nicht Diagnosen, und sie beruht auf Selbstauskünften in einer Befragung.

Bemerkenswert ist auch die Gegenrichtung, die in Ratgebertexten kaum vorkommt. Eine körperliche Erkrankung wirkt ebenso auf das Erleben: Schmerz, Schlafmangel, Bewegungseinschränkung und die Ungewissheit über einen Verlauf verändern Stimmung und Antrieb. Die ICD-11-Kategorie 6E40 bildet genau diesen Wechselbezug ab. Wer Psychosomatik als Einbahnstrasse von der Seele zum Körper versteht, verkürzt sie also um die Hälfte.

Aus der Stärke eines Symptoms lässt sich allerdings nichts über seine Ursache ableiten. Ein heftiges Symptom spricht weder für noch gegen eine seelische Beteiligung, und genau deshalb bleibt die Reihenfolge unverändert: zuerst die medizinische Abklärung, dann die weitergehende Einordnung. Wer sich unsicher ist, wendet sich in der Schweiz zunächst an die Hausarztpraxis, die über weitere Untersuchungen und über eine allfällige Überweisung entscheidet.

Quellen

  • Weltgesundheitsorganisation WHO: International Classification of Diseases, 11th Revision (ICD-11), Kategorie 6C20 «bodily distress disorder» und Kategorie 6E40; verabschiedet 2019, in Kraft seit dem 1. Januar 2022.
  • Weltgesundheitsorganisation WHO: ICD-10, Kapitel V, F45 somatoforme Störungen.
  • Alexander, F. (1950). Psychosomatic Medicine: Its Principles and Applications. New York: Norton.
  • Engel, G. L. (1977). The need for a new medical model: a challenge for biomedicine. Science, 196(4286), 129–136.
  • Nobelversammlung des Karolinska-Instituts: Nobelpreis für Physiologie oder Medizin 2005 an Barry J. Marshall und J. Robin Warren für die Entdeckung von Helicobacter pylori und dessen Rolle bei Gastritis und Ulkuskrankheit.
  • Bundesamt für Statistik BFS: Schweizerische Gesundheitsbefragung 2022, psychische Belastung der Bevölkerung ab 15 Jahren.

Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine medizinische Beratung, keine Untersuchung und keine Diagnose. Anhaltende oder belastende Beschwerden gehören ärztlich abgeklärt, unabhängig davon, welche Ursache vermutet wird.