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Focusing und der gefühlte Sinn: was damit gemeint ist

Körper & Psyche8 Min. LesezeitZuletzt geprüft: August 2026

Person sitzt still im Sessel, eine Hand ruht leicht auf dem Oberbauch, Blick gesenkt

Focusing bezeichnet eine von Eugene T. Gendlin beschriebene Weise, die Aufmerksamkeit auf ein körperlich spürbares, zunächst unklares Empfinden zu richten, das er felt sense nannte und das im Deutschen meist mit «gefühlter Sinn» übersetzt wird. Gendlin veröffentlichte die Anleitung 1978 unter dem Titel Focusing. Dieser Beitrag erklärt, woher der Begriff stammt, was mit dem gefühlten Sinn gemeint ist, wie eine Übungssequenz aufgebaut ist, wie belastbar die Forschungslage ist und in welchen Situationen Focusing nicht das passende Vorgehen ist.

Was ist Focusing?

Focusing ist ein von Eugene T. Gendlin (1926 bis 2017) formuliertes Vorgehen der Selbstwahrnehmung, bei dem eine Person ihre Aufmerksamkeit für eine bestimmte Zeit bei einem unbestimmten körperlichen Empfinden hält, das sich auf eine Lebenssituation bezieht. Gendlin war Philosoph und Psychologe und arbeitete an der University of Chicago in der Forschungsgruppe um Carl R. Rogers mit. Focusing entstand dort nicht als Erfindung am Schreibtisch, sondern als Auswertung von Tonbandaufnahmen aus Gesprächen.

Der Ausgangspunkt war eine Forschungsfrage: Warum profitieren manche Menschen von Gesprächen und andere nicht? Die Auswertung ergab, dass sich beide Gruppen weniger im Verhalten der Fachperson unterschieden als in der Art, wie die ratsuchende Person sprach. Wer sich unterbrach, zögerte, nach Worten suchte und dabei auf etwas noch nicht Ausformuliertes im eigenen Erleben Bezug nahm, zeigte in den ausgewerteten Gesprächen häufiger eine Veränderung. Gendlin beschrieb die theoretische Grundlage dazu 1962 in Experiencing and the Creation of Meaning; das Buch von 1978 machte daraus eine Anleitung, die auch ausserhalb einer Therapie geübt werden kann.

Wichtig ist die Einordnung: Focusing ist keine Behandlungsform mit gesichertem Wirknachweis und keine Psychotherapie. Es beschreibt einen Umgang mit der eigenen Aufmerksamkeit, der in der Beratung, in der Selbstwahrnehmung und in verschiedenen therapeutischen Ausrichtungen als Element verwendet wird. Gendlin selbst legte 1996 mit Focusing-Oriented Psychotherapy eine ausdrücklich therapeutische Anwendung vor, hielt diese aber vom Üben im Alltag getrennt.

Was bedeutet der gefühlte Sinn im Körper?

Der gefühlte Sinn ist ein körperlich wahrnehmbares Gesamtempfinden zu einer Situation, das mehr enthält, als sich in dem Moment sagen lässt. Typische Beschreibungen sind ein Druck in der Brust, eine Enge im Hals oder eine Schwere im Bauch, die sich auf ein bestimmtes Thema beziehen und wieder nachlassen, wenn das Thema wechselt. Der gefühlte Sinn ist damit weder eine reine Körperempfindung noch eine klar benannte Emotion wie Ärger oder Trauer, sondern liegt zwischen beidem.

Die deutsche Übersetzung ist bekanntlich unscharf. Das englische «sense» trägt zwei Bedeutungen zugleich: die Sinnesempfindung und die Bedeutung im Sinn von «das ergibt Sinn». «Gefühlter Sinn» betont die Bedeutungsseite und lässt die Empfindungsseite verblassen, während gängige Alternativen wie «Körpergefühl» oder «Leibgefühl» umgekehrt die Bedeutungsseite verlieren. In der deutschsprachigen Literatur wird der englische Begriff felt sense deshalb oft unübersetzt daneben gestellt. Wer beide Wörter kennt, versteht den Punkt: gemeint ist eine Bedeutung, die zuerst körperlich auftritt und erst danach Worte findet.

Ein Unterschied zu geläufigen Begriffen lässt sich klar benennen. Eine Emotion ist meist sofort benennbar, ein gefühlter Sinn zunächst nicht. Ein Symptom wie Nackenverspannung ist an einen Ort gebunden und hat eine körperliche Erklärung, die unabhängig von der Aufmerksamkeit besteht; wie solche Signale einzuordnen sind, behandelt der Beitrag Körpersignale deuten. Der gefühlte Sinn dagegen verändert sich, während man ihm zuhört, und genau diese Veränderung ist das Beobachtungsmerkmal, an dem Gendlin ansetzte.

Wie läuft eine Focusing-Übung ab?

Eugene T. Gendlin beschrieb 1978 sechs Schritte, die zusammen etwa zehn bis dreissig Minuten beanspruchen und in Ruhe im Sitzen ablaufen. Die Schritte sind ausdrücklich ein Lernhilfsmittel und keine Vorschrift: Gendlin wies darauf hin, dass der Ablauf in der Praxis selten so geradlinig verläuft. Die folgende Übersicht gibt die Reihenfolge und den Zweck jedes Schritts wieder.

Die sechs Schritte nach Eugene T. Gendlin (1978)
SchrittBezeichnungWorum es geht
1Freiraum schaffen (clearing a space)Innerlich Abstand zu allem herstellen, was gerade ansteht, ohne es zu bearbeiten
2Den gefühlten Sinn kommen lassen (felt sense)Ein einzelnes Thema wählen und abwarten, wie es sich körperlich als Ganzes anfühlt
3Einen Griff finden (handle)Ein Wort, einen kurzen Satz oder ein Bild suchen, das zu diesem Empfinden passt
4Abgleichen (resonating)Wort und Empfinden nebeneinander halten und prüfen, ob beide zusammenpassen
5Fragen (asking)Offen fragen, was an der Sache das Empfinden ausmacht, und die Antwort abwarten
6Annehmen (receiving)Das, was aufgetaucht ist, stehen lassen, ohne es sofort zu bewerten oder zu nutzen

Zwei Eigenheiten fallen beim Lesen auf. Erstens ist der grösste Teil der Sequenz Warten und nicht Tun, was das Vorgehen für viele Menschen ungewohnt macht. Zweitens ist Schritt vier der eigentliche Prüfschritt: Passt das gefundene Wort nicht, wird es verworfen und ein anderes gesucht, statt die Empfindung dem Wort anzupassen. Gendlin beschrieb als Merkmal einer gelungenen Passung eine körperlich spürbare Lockerung, die er felt shift nannte. Ob sie eintritt, lässt sich nicht erzwingen.

Ungewohnt ist für viele auch der erste Schritt. Freiraum schaffen heisst nicht, an nichts zu denken, sondern die anstehenden Themen der Reihe nach zu benennen und jedes einzelne innerlich beiseitezustellen, ohne es zu lösen. Erst danach wird ein einzelnes Thema wieder hervorgeholt. Wer diesen Schritt überspringt, landet erfahrungsgemäss beim gewohnten Nachdenken über das Problem, und genau davon unterscheidet sich Focusing: Gedacht wird nicht über die Situation, sondern gewartet, wie sich die Situation als Ganzes anfühlt.

Was zeigt die Forschung zu Focusing?

Die Forschungslage zu Focusing ist schmal und uneinheitlich. Am besten untersucht ist nicht Focusing als Übung, sondern die damit verbundene Messgrösse Experiencing, erfasst mit der Experiencing Scale von Klein, Mathieu, Gendlin und Kiesler (1969), die anhand von Gesprächsaufnahmen einstuft, wie stark eine Person auf ihr unmittelbares Erleben Bezug nimmt. Einige Studien deuten darauf hin, dass ein höheres Experiencing-Niveau im Gespräch mit einem günstigeren Behandlungsergebnis verbunden ist; eine Übersicht dazu legte Hendricks (2002) im Handbuch der humanistischen Psychotherapien der American Psychological Association vor.

Diese Befunde sind nicht als Wirksamkeitsnachweis lesbar, und zwar aus drei Gründen. Sie stammen weit überwiegend aus Beobachtungen innerhalb laufender Behandlungen, nicht aus randomisierten Vergleichen. Sie messen ein Gesprächsmerkmal, nicht die Übung. Und sie sagen nichts über die Richtung des Zusammenhangs: Menschen, denen es im Verlauf besser geht, sprechen möglicherweise ohnehin zugänglicher über ihr Erleben. Kontrollierte Studien zu Focusing als eigenständigem Vorgehen sind selten, klein und methodisch heterogen. Belastbare Aussagen über einen Nutzen bei bestimmten Beschwerden lassen sich daraus nicht ableiten, und niemand sollte Focusing als Behandlung angeboten bekommen.

Offen bleibt damit auch die Frage, ob das Üben allein überhaupt sinnvoll gelernt werden kann. Gendlin schrieb sein Buch von 1978 ausdrücklich als Selbstanleitung, während ein Teil der späteren Literatur die Begleitung durch eine erfahrene Person für den Einstieg empfiehlt. Ein Vergleich beider Wege mit belastbaren Daten liegt nicht vor. Wer sich für Focusing interessiert, erhält also eine gut beschriebene Sequenz und eine nachvollziehbare Herleitung, aber keine Aussage darüber, was sie bewirkt.

Worin unterscheidet sich Focusing von Entspannung und Achtsamkeit?

Focusing unterscheidet sich von Entspannungsverfahren dadurch, dass es kein Ziel der Beruhigung verfolgt, und von Achtsamkeitsübungen dadurch, dass die Aufmerksamkeit bei einem einzelnen inhaltlichen Thema bleibt statt bei wechselnden Wahrnehmungen. Die Verwechslung ist häufig, weil alle drei im Sitzen und in Ruhe stattfinden. Was Focusing ausdrücklich nicht ist, lässt sich kurz auflisten:

  • kein Entspannungsverfahren: eine Anspannung darf während der Übung bestehen bleiben und wird nicht wegtrainiert;
  • keine Psychotherapie: das Vorgehen ersetzt weder Diagnostik noch Behandlung durch eine Fachperson;
  • keine Deutungsmethode: es wird nichts interpretiert, weder von aussen noch durch die übende Person selbst;
  • keine Atemtechnik und keine Körperübung im Sinn einer Bewegungsanleitung;
  • kein Verfahren zur Beeinflussung körperlicher Beschwerden.

Wer Ansätze sucht, die im Alltag untersucht sind und deren Zeithorizonte sich benennen lassen, findet die Einordnung im Beitrag über Selbstregulation im Alltag. Die physiologische Seite der Ruhereaktion, auf die sich Entspannungsverfahren beziehen, ist im Beitrag über das vegetative Nervensystem beschrieben.

Für wen ist Focusing nicht geeignet?

Focusing ist nicht geeignet, wenn eine akute Krise, akute Suizidgedanken, eine schwere depressive Episode, eine unbehandelte Traumafolgestörung oder eine psychotische Erfahrung vorliegt. In diesen Situationen ist eine ärztliche oder psychotherapeutische Fachperson zuständig, und das Richten der Aufmerksamkeit nach innen kann eine Belastung verstärken statt sie zu ordnen. Auch bei ausgeprägter Angst vor Körperempfindungen ist Zurückhaltung angebracht.

Für alle anderen gilt eine einfache Abbruchregel: Wenn das Empfinden während der Übung deutlich unangenehmer wird und nicht nachlässt, wird die Übung beendet und die Aufmerksamkeit nach aussen gerichtet. Focusing ersetzt zudem keine Abklärung. Bleiben körperliche Beschwerden bestehen, verändern sie sich oder treten neue hinzu, ist der medizinische Weg der richtige; wie er in der Schweiz verläuft, steht im Beitrag Wann eine körperliche Abklärung sinnvoll ist.

Quellen

  • Gendlin, E. T. (1978). Focusing. New York: Everest House.
  • Gendlin, E. T. (1962). Experiencing and the Creation of Meaning. New York: Free Press.
  • Gendlin, E. T. (1996). Focusing-Oriented Psychotherapy: A Manual of the Experiential Method. New York: Guilford Press.
  • Klein, M. H., Mathieu, P. L., Gendlin, E. T. & Kiesler, D. J. (1969). The Experiencing Scale: A Research and Training Manual. Madison: Wisconsin Psychiatric Institute.
  • Hendricks, M. N. (2002). Focusing-Oriented/Experiential Psychotherapy. In D. J. Cain & J. Seeman (Hrsg.), Humanistic Psychotherapies: Handbook of Research and Practice. Washington: American Psychological Association.

Dieser Beitrag ist eine unabhängige redaktionelle Darstellung eines fachlichen Konzepts. Er spricht nicht im Namen einer Fachgesellschaft, eines Verbands oder eines Ausbildungsinstituts und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei belastenden Beschwerden wenden Sie sich an Ihre Hausärztin, Ihren Hausarzt oder eine anerkannte Fachperson.