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Was ist Stress und was passiert dabei im Körper

Stress8 Min. LesezeitZuletzt geprüft: August 2026

Glatter grauer Kieselstein auf hellem Holztisch neben Notizbuch und Wasserglas

Stress ist die körperliche und psychische Reaktion auf eine Anforderung, die eine Person als bedeutsam und mit den eigenen Mitteln nur schwer zu bewältigen einschätzt. Der Körper stellt dabei innerhalb von Sekunden Energie bereit, steigert Herzschlag und Aufmerksamkeit und drosselt Vorgänge, die im Moment nicht gebraucht werden. Dieser Beitrag beschreibt diesen Mechanismus, ordnet die Rolle von Adrenalin und Cortisol ein und trennt anregende von belastender Anspannung.

Was ist Stress einfach erklärt?

Stress ist ein Zustand erhöhter Aktivierung, der entsteht, wenn eine Anforderung und die verfügbaren Mittel zu ihrer Bewältigung auseinanderklaffen. Entscheidend ist dabei nicht die Situation an sich, sondern ihre Bewertung: Dieselbe Prüfung, dieselbe Frist, dieselbe volle S-Bahn löst bei der einen Person Stress aus und bei der anderen nicht. Stress ist deshalb kein Ereignis, sondern ein Verhältnis zwischen Anforderung und Ressourcen.

Der Begriff stammt aus der Materialprüfung und beschreibt dort die Belastung, die auf ein Werkstück wirkt. In die Medizin gebracht hat ihn der Endokrinologe Hans Selye, der 1936 in der Zeitschrift Nature beschrieb, dass sehr verschiedene Reize bei Versuchstieren ein ähnliches Reaktionsmuster auslösen. Selye nannte den Ablauf später allgemeines Anpassungssyndrom und gliederte ihn in drei Abschnitte: eine Alarmreaktion, eine Phase des Widerstands und, bei anhaltender Belastung ohne Erholung, eine Phase der Erschöpfung. Dieses Modell gilt heute als vereinfacht, weil es die psychische Bewertung kaum berücksichtigt, es hat den Begriff aber geprägt.

Die bis heute massgebliche Ergänzung stammt von Richard Lazarus und Susan Folkman, die 1984 das transaktionale Stressmodell vorlegten. Danach läuft vor jeder Stressreaktion eine doppelte Einschätzung ab: Ist diese Lage für mich bedrohlich, fordernd oder unerheblich, und habe ich die Mittel, um mit ihr umzugehen? Aus diesem Modell erklärt sich, warum Kontrolle, Vorhersehbarkeit und soziale Unterstützung die Stressreaktion so stark dämpfen. Ein Stau auf dem Arbeitsweg wirkt anders, wenn die Verspätung folgenlos bleibt, als wenn ein wichtiger Termin davon abhängt.

Die Auslöser selbst, in der Fachsprache Stressoren, lassen sich grob ordnen: körperliche Reize wie Lärm, Kälte, Schmerz oder Schlafmangel; Leistungsanforderungen wie Zeitdruck, Prüfungen und Mehrfachaufgaben; soziale Belastungen wie Konflikte, Isolation oder Rollenunsicherheit; und schliesslich innere Stressoren wie hohe Ansprüche an sich selbst, Grübeln und Sorgen um die Zukunft. Die letzte Gruppe braucht keinen äusseren Anlass, was erklärt, warum Ruhe allein Stress nicht immer auflöst.

Wie verbreitet Stress in der Schweiz ist, wird seit Jahren erhoben. Das Staatssekretariat für Wirtschaft SECO liess dazu eine Befragung von Erwerbstätigen durchführen, in der rund ein Drittel angab, sich bei der Arbeit häufig oder sehr häufig gestresst zu fühlen; gegenüber der Vorgängerbefragung war dieser Anteil gestiegen. Gesundheitsförderung Schweiz verfolgt mit dem Job-Stress-Index laufend, wie sich Belastungen und Ressourcen bei Erwerbstätigen zueinander verhalten, und findet regelmässig einen Anteil im kritischen Bereich, in dem die Belastungen die Ressourcen überwiegen. Stress ist damit kein Randthema, sondern eine Alltagserfahrung eines grossen Teils der arbeitenden Bevölkerung.

Welche Rolle spielen Cortisol und Adrenalin?

Adrenalin und Cortisol sind die beiden wichtigsten Botenstoffe der Stressreaktion, und sie wirken auf unterschiedlichen Zeitskalen. Adrenalin schaltet den Körper innerhalb von Sekunden auf Handlung um, Cortisol hält die Energieversorgung über Minuten bis Stunden aufrecht. Beide sind normale körpereigene Stoffe, keine Schadstoffe.

Der schnelle Weg verläuft über das sympathische Nervensystem und das Nebennierenmark. Dort werden Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet, worauf Herzfrequenz und Blutdruck steigen, die Bronchien sich weiten, die Muskeln stärker durchblutet werden, die Pupillen sich erweitern und die Verdauung gedrosselt wird. Der Physiologe Walter Cannon beschrieb dieses Muster 1915 als Vorbereitung auf Kampf oder Flucht. Es erklärt die vertrauten Empfindungen bei akutem Stress: Herzklopfen, flache Atmung, feuchte Hände, ein flaues Gefühl im Magen.

Der langsamere Weg verläuft über die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse und endet mit der Ausschüttung von Cortisol. Cortisol stellt Glukose bereit, greift in den Fett- und Eiweissstoffwechsel ein und dämpft Entzündungsprozesse. Es folgt zugleich einem festen Tagesrhythmus, mit einem Anstieg in den frühen Morgenstunden und einem Tief am späten Abend. Wichtig ist die eingebaute Bremse: Cortisol wirkt auf Hypothalamus und Hypophyse zurück und beendet damit die eigene Ausschüttung. Sapolsky, Romero und Munck haben in einer viel zitierten Übersicht (Endocrine Reviews, 2000) dargelegt, dass Cortisol die Stressreaktion nicht nur anstösst, sondern sie ebenso häufig begrenzt und den Organismus nach der Belastung wieder ins Gleichgewicht bringt.

Daraus folgt eine Einordnung, die in Ratgebertexten oft fehlt. Ein einzelner Cortisolwert aus Speichel oder Blut sagt für sich genommen wenig aus, weil der Wert je nach Tageszeit stark schwankt und auch von Schlaf, Mahlzeiten und Bewegung beeinflusst wird. Aussagen wie «den Cortisolspiegel senken» klingen präzise, meinen aber meist einfach Erholung. Ein gestörter Rhythmus dieser Achse gehört in die Hand einer Fachperson und nicht in die Selbstmessung. Frei verkäufliche Speicheltests, die einen Wert mit einer Ampelfarbe versehen, ersetzen weder eine Anamnese noch eine ärztliche Beurteilung des Verlaufs.

Wann ist Stress nützlich?

Stress ist dann nützlich, wenn die Aktivierung zeitlich begrenzt bleibt, zur Anforderung passt und danach eine echte Erholung folgt. Hans Selye hat für diese Unterscheidung 1974 die Begriffe Eustress und Distress eingeführt: Eustress bezeichnet die anregende Anspannung vor einer Aufgabe, Distress die belastende Anspannung, die als Überforderung erlebt wird. Körperlich laufen zunächst dieselben Vorgänge ab; unterschiedlich sind Bewertung, Dauer und die anschliessende Erholung.

Eustress und Distress im Vergleich (Einordnung nach Selye sowie Lazarus und Folkman)
MerkmalEustressDistress
Bewertung der Lagefordernd, aber machbarbedrohlich, Mittel scheinen nicht zu genügen
Erlebenwach, konzentriert, angespannt im Sinne von bereitgetrieben, angespannt im Sinne von blockiert
DauerMinuten bis Stunden, mit klarem Endezieht sich hin, oft ohne erkennbaren Abschluss
Erholung danachtritt von selbst einbleibt aus oder wird immer wieder unterbrochen
Wirkung auf die LeistungAufmerksamkeit und Handlungsbereitschaft steigenKonzentration, Übersicht und Schlaf leiden
Typisches BeispielVortrag, Wettkampf, Prüfung mit guter VorbereitungDauerkonflikt, offene Frist ohne Einfluss darauf

Dass ein mittleres Erregungsniveau der Leistung zuträglicher ist als sehr geringe oder sehr hohe Anspannung, geht auf eine Tierstudie von Robert Yerkes und John Dodson aus dem Jahr 1908 zurück. Die daraus abgeleitete umgekehrte U-Kurve wird heute häufig weiter ausgelegt, als es die Datenlage trägt; als grobe Faustregel für den Alltag bleibt sie dennoch brauchbar. Belegt ist, dass kurze Aktivierung Aufmerksamkeit und Reaktionsbereitschaft erhöht.

Für den Alltag heisst das: Nicht die Anspannung selbst entscheidet, sondern was danach folgt. Ein anstrengender Arbeitstag mit einem ruhigen Abend, einer Nacht mit gutem Schlaf und einem freien Wochenende hinterlässt eine andere Bilanz als derselbe Arbeitstag, an den sich drei weitere ohne Unterbrechung anschliessen. Erholung ist deshalb kein Luxus am Rand des Stressthemas, sondern der Teil, der über die Bilanz entscheidet.

Belastend wird Stress vor allem dann, wenn die Aktivierung nicht mehr abklingt. Der Neurobiologe Bruce McEwen beschrieb dafür 1998 im New England Journal of Medicine das Konzept der allostatischen Last: Die Systeme, die kurzfristig schützen, verursachen Kosten, wenn sie dauernd eingeschaltet bleiben oder nach der Belastung nicht wieder herunterfahren. Nicht die einzelne Stressreaktion ist damit das Problem, sondern die fehlende Rückkehr in den Ruhezustand. Wie sich dieser Übergang bemerkbar macht, behandelt der Beitrag zum akuten und chronischen Stress ausführlich.

Was unterscheidet Stress von Angst?

Stress ist die Reaktion auf eine konkrete Anforderung und klingt in der Regel ab, sobald diese Anforderung bewältigt oder beendet ist. Angst ist eine Gefühlsreaktion auf eine erwartete Bedrohung und kann auch dann bestehen bleiben, wenn kein Auslöser mehr vorhanden ist. Die körperlichen Zeichen überschneiden sich stark, weil beide Zustände dieselben Systeme aktivieren.

Praktisch hilft der Blick auf drei Punkte: den Bezug, den Verlauf und die Folgen. Stress hat meist einen benennbaren Bezug, also eine Aufgabe, einen Konflikt, eine Frist; Angst richtet sich oft auf etwas, das noch nicht eingetreten ist, und weitet sich mit der Zeit auf weitere Bereiche aus. Stress endet typischerweise mit der Situation, Angst kann die Situation überdauern. Und wo Stress die Handlungsfähigkeit vorübergehend einschränkt, führt ausgeprägte Angst häufig zu dauerhaftem Vermeiden von Orten, Aufgaben oder Begegnungen.

Nahe verwandt, aber ebenfalls nicht dasselbe, ist die Anspannung, die viele Menschen als Nervosität beschreiben. Nervosität bezeichnet eine kurze, meist auf eine bevorstehende Situation gerichtete Unruhe und gehört zum normalen Erleben; sie verschwindet in der Regel, sobald die Situation beginnt. Stress kann Nervosität einschliessen, umfasst aber deutlich mehr, nämlich die gesamte körperliche Aktivierung samt ihren Folgen für Schlaf, Konzentration und Stimmung.

Diese Unterscheidung ist eine Orientierung und keine Diagnose. Angststörungen sind eigenständige Krankheitsbilder mit festgelegten Kriterien, und sie werden ausschliesslich von einer Fachperson festgestellt. Wer über Wochen unter Anspannung, Grübeln oder Vermeidungsverhalten leidet, den Alltag nur noch eingeschränkt bewältigt oder körperliche Beschwerden ohne Erklärung bemerkt, bespricht das sinnvollerweise mit der Hausärztin oder dem Hausarzt. In der Schweiz ist die Hausarztpraxis der übliche erste Anlaufpunkt und kann bei Bedarf weiterverweisen.

Quellen

  • Selye H. A syndrome produced by diverse nocuous agents. Nature. 1936;138:32.
  • Selye H. Stress without Distress. Philadelphia: Lippincott; 1974.
  • Cannon WB. Bodily Changes in Pain, Hunger, Fear and Rage. New York: Appleton; 1915.
  • Lazarus RS, Folkman S. Stress, Appraisal, and Coping. New York: Springer; 1984.
  • Sapolsky RM, Romero LM, Munck AU. How do glucocorticoids influence stress responses? Endocrine Reviews. 2000;21(1):55-89.
  • McEwen BS. Protective and damaging effects of stress mediators. New England Journal of Medicine. 1998;338(3):171-179.
  • Yerkes RM, Dodson JD. The relation of strength of stimulus to rapidity of habit-formation. Journal of Comparative Neurology and Psychology. 1908;18:459-482.
  • Staatssekretariat für Wirtschaft SECO. Stress bei Schweizer Erwerbstätigen, Studienbericht.
  • Gesundheitsförderung Schweiz. Job-Stress-Index, Monitoring zu Belastungen und Ressourcen bei Erwerbstätigen.
  • Bundesamt für Statistik. Schweizerische Gesundheitsbefragung, Themenbereich psychische Gesundheit.
  • Universitätsspital Zürich. Patienteninformationen zu Stress und Stressreaktionen.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Abklärung, Diagnose oder Beratung. Bei anhaltender Belastung, starker Anspannung oder körperlichen Beschwerden wenden Sie sich an Ihre Hausärztin, Ihren Hausarzt oder eine andere qualifizierte Fachperson.